Full text : Amtliche Kriegsdepeschen Band 1 (1)

9.  Die  Brüsseler  Dokumente  II.

(Sonderbeilage  der  Norddentschen  Allgemeinen  Zeitung  vom
25.  November  1914.)

Der  Neutralitätsbruch  Belgiens.

Die  Englische  Regierung  hat  sich  darauf  beschränkt,  unsere  Enthüllungen  aus
den  Archiven  des  belgischen  Kriegsministeriums  über  die  englisch-  belgischen  militärischen
Abmachungen  aus  dem  Jahre  1906  mit  der  Erklärung  zu  beantworten,  daß  der  an
deren  Ausarbeitung  beteiligte  Generalmajor  Grierson  gestorben,  und  Oberst  Barnardiston
  Chef  der  englischen  Truppen  vor  Kiautschou  sei.  Es  sei  wohl  möglich,  daß
eine  akademische  Diskussion  zwischen  den  beiden  englischen  Offizieren  und  den  belgischen
militärischen  Stellen  darüber  stattgefunden  habe,  welche  Hilfe  das  englische  Heer  in
der  Lage  sein  würde,  Belgien  zu  leisten,  falls  seine  Neutralität  von  einem  seiner
Nachbarn  verletzt  werden  sollte.

Die  Belgische  Regierung  hat  erklärt,  es  sei  nur  natürlich,  daß  der  englische
Militärattaché  in  Brüssel  während  der  Algeciras-  Krisis  den  Chef  des  belgischen  Generalstabes
  nach  den  Maßnahmen  gefragt  habe,  die  die  Verletzung  der  von  England  gewährleisteten
  Neutralität  Belgiens  verhindern  sollten.  Der  Chef  des  Generalstabes,  General
Ducarme,  habe  geantwortet,  daß  Belgien  imstande  sei,  einen  Angriff,  von  welcher
Seite  er  auch  komme,  abzuwehren.  Die  Belgische  Regierung  knüpft  hieran  die  Bemerkung:
  "Hat  die  Unterhaltung  diese  Grenzen  überschritten,  und  hat  Oberst  Barnardiston
  den  Kriegsplan  dargelegt,  den  der  britische  Generalstab  einzuhalten  wünschte
für  den  Fall,  wo  diese  Neutralität  verletzt  werden  sollte?  Wir  bezweifeln  es.“  Indem
sie  die  unverkürzte  Veröffentlichung  des  in  den  belgischen  Geheimakten  aufgefundenen
Materials  fordert,  versichert  die  Belgische  Regierung  feierlich,  daß  sie  niemals  direkt
oder  indirekt  aufgefordert  worden  sei,  sich  im  Falle  eines  deutsch-französischen  Krieges
der  Tripleentente  anzuschließen.

Wie  die  vorstehend  skizzierten  Erklärungen  erkennen  lassen,  hat  die  Englische
Regierung  von  vornherein  darauf  verzichtet,  die  Feststellungen  der  Kaiserlichen  Regierung
zu  bestreiten.  Sie  hat  sich  auf  einen  Versuch  beschränkt,  sie  zu  beschönigen.  Sie  mag
sich  wohl  gesagt  haben,  daß  bei  der  erdrückenden  Fülle  des  vorhandenen  Beweismaterials
eine  Ableugnung  der  Tatsachen  zwecklos  und  bedenklich  sein  würde.  Die  inzwischen
erfolgte  Aufdeckung  eines  englisch-belgischen  militärischen  Nachrichtendienstes  und  das
Ausfinden  der  von  den  amtlichen  englischen  Stellen  hergestellten  Kriegskarten  von
Belgien  erweisen  erneut,  eine  wie  eingehende  militärische  Vorbereitung  der  englischbelgische
  Kriegsplan  gegen  Deutschland  erfahren  hatte.

Wir  lassen  hier  in  Faksimile  den  Wortlaut  des  im  Konzept  aufgefundenen  Berichtes
  des  Generals  Ducarme  an  den  belgischen  Kriegsminister  vom  10.  April  1906
folgen,  der  der  Belgischen  Regierung  schwerlich  unbekannt  sein  kann,  da  der  belgische
Gesandte  in  Berlin,  Baron  Greindl,  in  seinem  Bericht  vom  23.  Dezember  1911
auf  seinen  Inhalt  ausdrücklich  Bezug  genommen  hat.  Sollte  der  Belgischen  Regierung