Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Erster Jahrgang. 1885. (26)

Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Jan. 10.) 9 
Versuchung dazu besteht. Minoritäten, die rerum novarum cupidae sind, 
und die die jetzige Regierung um jeden Preis stürzen wollen, auch um den, 
ihr Vaterland in auswärtige Kriege zu stürzen, — ja, meine Herren, die 
finden Sie in jedem Lande. Sie sind nicht in jedem gleich groß — vor- 
handen sind sie wohl überall, denke ich mir. (Bravo! rechts. Zuruf links.) 
Ich weiß nicht, ob sich eine dort meldet von den Minoritäten; ich hörte 
eine unverständliche Stimme, habe aber kein Bedürfnis, sie kennen zu lernen. 
„Mit England leben wir in gutem Einvernehmen. Daß England in 
dem Bewußtsein: „Britannia rules the waves,“ etwas verwunderlich auf- 
sieht, wenn die Landratte von Vetter — als die wir ihm erscheinen — 
plötzlich auch zur See fährt, ist nicht zu verwundern; die Verwunderung 
wird indeß von den höchsten und leitenden Kreisen in England in keiner 
Weise geteilt. Die haben nun eine gewisse Schwierigkeit, den Ausdruck des 
Befremdens bei allen ihren Unterthanen rechtzeitig zu mäßigen. Aber wir 
stehen mit England in althergebrachten befreundeten Beziehungen, und beide 
Länder thun wohl daran, diese befreundeten Beziehungen zu erhalten. Wir 
würden, wenn die englische Regierung sich die Beurteilung mancher ihrer 
Unterthanen in Betreff unserer Kolonialpolitik vollständig aneignen sollte, 
in anderen Fragen, die England nahe interessieren, kaum im Stande sein, 
ohne Mißbilligung von Seiten der deutschen Bevölkerung die englische Politik 
zu unterstützen. Wir würden vielleicht genötigt sein, diejenigen, die, ohne 
es zu wollen, Gegner von England sind, zu unterstützen und irgend ein 
„do ut des“ herzustellen; aber ich glaube, daß wir auch mit der englischen 
Regierung in Beziehungen leben und leben werden, die den Satz des Herrn 
Vorredners, den er brauchte, um die Folgen der Bewilligung recht schrecklich 
darzustellen, den Satz, daß wir von Feinden umgeben sind, vollständig 
unanwendbar machen auf diese augenblickliche Situation. (Sehr richtig! — 
Bravo! rechts.) Wir sind von Freunden umgeben in Europa — (Bravo!) 
d. h. deshalb will ich den Spruch meines verehrten Freundes, des Grafen 
Moltke, nicht invalidieren und nicht bekämpfen. Wir sind von Regierungen 
umgeben, die mit uns das gleiche Interesse haben, den Frieden zu erhalten; 
es gibt keine einzige Regierung, die einen Krieg besser vertragen könnte, als 
die deutsche ihn vertragen kann, und wenn eine andere glaubte, ohne 
Schädigung ihrer sonstigen Interessen den Frieden Europas brechen zu können, 
so würde Deutschland immer sagen: wir können das noch eher, wir sind nur 
gewissenhafter und nehmen mehr Rücksicht. (Bravo!l rechts.) Also ich bin 
es der öffentlichen Beruhigung schuldig, zu erklären, daß der Herr Abgeord- 
nete Windthorst im Irrtum ist, wenn er meinte, wir wären von Feinden 
umgeben. Wichtig bleibt der Schritt deshalb doch; denn er zieht immer 
die weitere Bewilligung eines Gouverneurs nach sich. Die ganze Forderung 
ist begründet auf der Voraussetzung, daß Sie den Gouverneur bewilligen 
werden. Denn ohne Gouverneur ist keine Barkasse notwendig; ich wüßte 
sonst niemand, der sonst darauf fahren sollte. Herr Woermann hat seine 
eigene. (Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat es nun so dargestellt, daß er 
uns nur die Wahl stellte, entweder auf unsere Kolonialpolitik zu verzichten 
oder unsere Seemacht auf eine Höhe zu erheben, daß wir überhaupt zur 
See niemand zu fürchten haben, — ich will also einmal sagen: auf die 
Höhe der Seemacht von England; dann hätten wir immer noch ein Bündnis 
von England und Frankreich zu fürchten. Die sind immer noch stärker, als 
eine einzelne Macht jemals in Europa sein kann und sein wird. Dies ist 
daher ein Ziel, das nie erstrebt werden kann. Ich gebe zu, daß das Fahren 
zur See immer eine gefährliche Sache für Kaufleute, aber noch mehr für 
Kriegsschiffe ist; es ist von allerlei Gefahren und von allerlei Kosten um- 
geben. Aber wie machen es denn andere Mächte? Frankreich also ist zur
	        
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