324 Der Feldzug im Osten vom 7. Juli bis 13. Nov. 1915
Die strategische Lage am 24. Juli
Die strategische Lage zeichnete sich am 24. Juli in schärferen Amrissen
ab. Der konzentrische Angriff auf die russische Grundstellung zwischen
Weichsel, Wieprz, Bug und Narew war der Enescheidung nahegerückt.
Scholg und Gallwitz waren im #bergang über den Narew begriffen, Nowo-
georgiewst aus dem Zusammenhang gelöst und auf sich angewiesen, die
Weichsellinie erschüttert, Warschau und Iwangorod eng umfaßt und die
Wieprz-Bug. Front von endgültiger Durchbrechung bedroht. Die deutsche
Heeresleitung hatte die Folgerungen aus dem Durchbruch bei Gorlice
gezogen, wendete sich vom westlichen Kriegstheater ab, so sehr ihr Herz
noch an der Eroberung Verduns, Pperns und Amiens’ hing, und speiste
den Feldzug im Osten fortgesetzt mit Verstärkungen, um die Entscheidung
zu erzwingen. Je schwächer der Puls Osterreich-Ungarns klopfte, das an
der Brenla, am Isonzo, an Save und Donau in der Abwehr focht und
in Galizien, von der deutschen Südarmee unterstüht, die strategische
Elanke hütete, desto gewaltiger erhob sich Deutschland zum Kampf mit der
europäischen Amwelt. Es suchte, es brauchte in diesem riesenhaften, Atlas.
lasten auf seine Schultern wälzenden Ringen einen raschen, vollen Erfolg.
Die russische Heeresleitung hatte die Gefahr erkannt, die ihr von dem
ungeduldig, aber planvoll schlagenden Gegner drohte. Sie gab den Raum
zwischen Weichsel und Bug am 24. Juli verloren. Als Mackensen die Süd-
front bei Krasnostaw durchbrach und gegen Lublin—Cholm vorprallte, als
Gallwig bei Rozan über den Narew setzte, war der Augenblick gekommen,
der die russischen Armeen hinter den Bug zurlckrief. Schon galt kein Zau-
dern mehr. Da Gallwigt die Nordfront und Mackensen die Südfront nach
innen warfen, begann sich der Rückzugsraum so zu verengern, daß die an
der Weichsel stehenden russischen Kräfte in Gefahr gerieten, abgeschnitten
zu werden. Selbst die Linie Kowno—Grest-Litowst war schon in den Flanken
bedrohte, denn Below hatte Kowno im Norden überflügelt und rückte über
die Dubissa gegen die Wilija und die Aa vor, und Linsingen war im Begriff,
Brest-Litowsk im Süden zu überflügeln, indem er sich anschickte, am Bug
gegen Cholm zu dringen, um die Straße Wlodawa—Kobryn zu erstreiten.
Der russischen Heeresleitung wurden dadurch Opfer auferlegt, über die man
am 27. Juni im großen Kriegsrat zu Brest-Litowsk bereits gesprochen hatte,
deren Darbringung aber noch keineswegs sicher gewesen war. Zwar hatte der
Großfürst dem Kriegsrat zustimmen müssen, als dieser grundsäglich die Preis-
gabe der Narew- und Weichselfestungen forderte, um das Heer hinter den Bug
zurückzuführen, aber er hatte im Herzen die Hoffnung nicht aufgegeben, daß
es gelingen werde, den Deucschen am Narew und am Wieprz unüberwind-
lichen Widerskand entgegenzusetzen. Darin sah er sich am 24. Juli enttäuscht.