76 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (April 29.— Mai 1.
gewiesen. — Die Vorlage wird an eine Kommission von 28 Mitgliedern
verwiesen, ebenso die Vorlage über Verhütung von Hochwassergefahren in
Brandenburg, Schlesien und Sachsen. Sämtliche Redner sprechen sich entgegenkommend
darüber aus. — Am folgenden Tage wird die Vorlage
über Verbesserung der Vorflut in der unteren Oder, Havel und Spree
derselben Kommission überwiesen. Die Vorlage wird im allgemeinen wohlwollend
aufgenommen; einige Redner wünschen, daß die Interessenten mehr
zu Rate gezogen und die lokalen Beiträge herabgesetzt werden. — Am 30.
wird der Entwurf über die Melioration der Oder der Kommission überwiesen.
In der Debatte wird der Wunsch nach ähnlichen Bauten bei
anderen Flüssen geäußert.
9. April. Folgendes Telegramm geht aus Südwestafrika ein:
Die versammelten Ansiedler aus Swakopmund, Karibib, Okahandja,
Outjo und Windhuk richten an den hohen Reichstag die einstimmige Bitte,
bei der dritten Lesung des Ergänzungsetats die Entschädigungsvorlage der
Reichsregierung ohne Einschränkung anzunehmen oder die dritte Lesung
bis zu dem Ende Mai bevorstehenden Eintreffen einer Abordnung von
Ansiedlern zu vertagen. Mit Darlehen für die unverschuldeten Verluste
ist den noch mit schweren Verpflichtungen kämpfenden Ansiedlern nicht
geholfen.
29. April. (Reichstagswahl.) Bei der Ersatzwahl in
Altenburg wird Porzig (kons.) mit 18088 Stimmen gegen Buchwald
(Soz.) mit 17419 Stimmen gewählt. Der Wahlkreis war
bisher sozialdemokratisch vertreten (18695 sozialdemokratische,
17491 bürgerliche Stimmen im Jahre 1903).
30. April. Der Reichstag verweist den Entwurf über die
Abänderung des Stempelgesetzes an die Budgetkommission. Die
Linke bezeichnet den Entwurf als zu fiskalisch, die Rechte stimmt
im allgemeinen zu.
1. Mai. (Mainz.) Der Kaiser nimmt teil an der Eröffnung
der neuen Rheinbrücke und erwidert auf die Ansprache des
Eisenbahnministers Budde:
Ich spreche Ihnen Meinen herzlichsten Glückwunsch aus, daß es
Ihnen gelungen ist, ein Werk, welches schon von unseren großen Strategen
im Einverständnis mit Meinem Großvater in seiner Bedeutung erkannt
wurde, zu erfüllen. Ich freue Mich, daß diese neue schöne Blüte der
Leistungsfähigkeit deutscher Ingenieure und Baukunst zu Nutz und Frommen
unseres Volkes vollendet und im Verein errichtet wurde mit Sr. Kgl. Hoheit
dem Herrn Großherzog. Ich wünsche, daß diese neue Brücke in jeder Beziehung
den gehegten Erwartungen entspreche. Ich wünsche von Herzen,
daß der Friede, der notwendig ist, damit Industrie und Handel sich fortentwickeln,
auch fernerhin erhalten bleiben möge. Ich bin aber der Ueberzeugung,
daß diese Brücke, wenn sie zu ernsteren Transporten benutzt
werden sollte, sich dann vollkommen bewähren wird. Insbesondere aber
freue Ich Mich, daß die Brücke auch in ihrem Aeußeren eine neue Zierde
der großen Stadt wurde, in deren Nähe sie errichtet worden ist, und daß
sie in ihrem Aeußeren den Traditionen der alten deutschen Herrlichkeit
Rechnung trägt, mit denen die Geschichte der schönen Stadt verknüpft ist.