Full text : Fürst Bismarck und der Bundesrat. Zweiter Band. Der Bundesrat des Zollvereins (1868-1870) und der Bundesrat des Deutschen Reichs (1871-1873). (2)

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Die  Vorstellung  der  Bundesräte  ging  der  der  Abgeordneten  voran.  Die
Königin  fragte  bedauernd,  ob  ich  immer  hier  gewesen,  seit  sie  mich  zuletzt
gesehen.  Dem  König  stellte  mich  Bismarck  als  „eine  Stütze  unserer  Zollberatungen“
  vor,  worauf  jener  freundlich  zunickte:  „Das  ist  schön.“  Eine
solche  kurze  Bemerkung  Bismarcks  muß  im  Grunde  mehr  freuen  als  jede
andere  Auszeichnung.  Bitzer  hörte  es  mit  an  und  erzählte  es  auch  weiter.

Das  Fest  im  ganzen  war  brillant.  Schon  der  Treppenaufgang  ist  außer—
ordentlich  schön.  Je  weiter  man  hinaufkam,  um  so  schöneres  Militär.  Oben
die  Grenadiere  Friedrichs  des  Großen  und  die  himmelhohen  Gardes  du  Corps
in  Festtracht:  weiß  mit  hohen  Stiefeln  und  roten  Kürassen.  Die  Tafel  war
im  Weißen  Saal  und  der  langen  daran  stoßenden  Gemäldegalerie  für  etliche
5—600  Gäste  gedeckt.  Der  Bundesrat  hatte  die  Plätze  an  der  inneren,  gegen
den  Saal  gekehrten  Seite  der  königlichen  Tafel,  vis-à-vis  die  Majestäten  unter
dem  Thronhimmel,  die  Prinzen  und  Prinzessinnen  und  die  preußischen  Excellenzen.
Meine  Tischnachbarn  waren  Philipsborn  und  Ewald,  und  in  der  Nähe  Meixner,
den  man  zwischen  uns  eingeschmuggelt  hatte.  Die  Dienerschaft  zählte  einen
Chinesen,  verschiedene  Mohren  und  andere  seltsame  Käuze  unter  sich.  Nach
dem  Essen  konnte  ich  dem  Prinzen  August  mein  Kompliment  machen.  Er
begrüßte  mich  sehr  freundlich,  fragte  nach  Varnbüler  und  sagte  mir,  ich  werde
in  den  nächsten  Tagen  sein  Gast  sein.  Zum  Schluß  gab  man  ein  kleines
Feuerwerk  zum  besten,  d.  h.  man  entzündete  mit  einem  Schlag  alle  Kerzen,
was  sich  sehr  hübsch  machte.  Es  war  ein  buntes  Getriebe,  alle  diese  militärischen
  und  Ziviluniformen,  die  Orden  und  Ordensbänder,  die  prachtvollen
Tafelservices,  Gemälde,  reichen  Säle,  vor  allem  die  vielen  hervorragenden
Männer  aus  ganz  Deutschland  beisammen  zu  sehen.  Der  König  sprach  einen
kurzen  Toast.  Die  Tafelmusik  spielte  die  Ouverture  aus  Egmont,  den  Tannhäusermarsch,
  aus  dem  Troubadour  und  der  Afrikanerin.  Die  Majestäten
wurden  von  Pagen  bedient.  —  Kurz,  es  war  ein  Hoffest,  wie  man  es  nur
wünschen  kann.  Die  komische  Figur  dabei  bildete  Meixner.

*
Für  heute  abend  sind  die  Bundesräte  schon  wieder  zu  Hof  geladen.  1)
Glücklicherweise  bin  ich  mit  den  größten  Arbeiten  jetzt  fertig  und  kommt  nun
alles  darauf  an,  wie  es  beim  Zollparlament  verläuft.

*
Berlin,  den  2.  Mai  1868.

In  dem  Gehetze  der  letzten  Tage  war  es  mir  unmöglich,  Dir  zu  schreiben.
Gestern  hatten  die  Württemberger  einen  heißen  Strauß  auszufechten,  den
sie  aber  mannhaft  bestanden.  Mittnacht  war  glänzend;  Varnbüler  schwächer

als  sonst,  weil  krank.
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1)  Hofkonzert  mit  der  Lucca,  Niemann,  Woworsky,  Betz,  Salomon.  —  Ave  Maria
von  Gounod,  Erlkönig  von  Schubert,  Ensemble  aus  der  Lucia.