Metadata : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Bericht  des  Grafen  Goltz.  577

wissen  Umfange  usw.  Auch  könnte  man  allen  Staaten  die  diplomatische
Vertretung  lassen.

Ferner  erfuhr  Goltz  noch,  daß  Prinz  Napoleon  bereits  gestern  vom
Kaiser  die  Sistierung  der  Benedetti  erteilten,  angeblich  sehr  scharfen  Instruktion
  erlangt  habe,  worüber  Drouyn  de  Lhuys  in  hohem  Grade  erbittert
sei.  Endlich  habe  der  Kaiser  dem  Prinzen  zugestanden,  daß  Venetien  durch
Volksabskimmung  an  Italien  übergehen  solle,  also  ohne  alle  Bedingungen.
Insbesondere  solle  vom  Papfte  nicht  die  Rede  sein.

Goltz  hatte  den  persönlichen  Eindruck,  daß  der  Kaiser  nach  wie  vor  verschiedenartigen
  Einflüssen  ausgesetzt  und  zugänglich  sei;  obwohl  persönlich
wenig  geneigt,  gegen  Preußen  und  Italien  aufzutreten,  könne  er  doch  jeden
Tag  umschlagen  und,  wie  der  4.  Juli  zeige,  auch  unvernünftige  Entschlüsse
fassen.  Die  öffentliche  Meinung  sei  einstimmig  gegen  eine  Absorption  Deutschlands
  durch  Preußen.  Annexionen  innerhalb  gewisser  Grenzen  würden  dort
lieber  gesehen  werden,  als  eine  solche  Eventualität.  Es  erscheine  indessen
notwendig,  auf  dem  Ausschluß  Österreichs  aus  dem  Bunde  zu  bestehen.  In
allem  übrigen  könne  Preußen  außerordentklich  versöhnlich  sein,  es  werde  sich
das  später  von  selbst  ergeben.  Die  Hauptsache  sei  nach  seiner  Meinung,  daß
man  dem  Kaeiser  es  erleichtere,  aus  seiner  gegenwärtigen  Lage  mit  Ehren
herauszukommen;  dann  werde  er  Preußen  ewig  dankbar  sein.  Andernfalls
könne  man  leicht  plötzlich  im  Kriege  mit  Frankreich  sein.

Daraus  ergibt  sich  zunächst,  daß  Napoleon  auf  die  Unabhängigkeit
Süddeutschlands  von  Preußen  sowohl  als  von  Österreich  den  entscheidenden
Wert  legte.  DOieses  Bestreben  entsprach  ja  auch  ganz  und  gar  seiner  bisherigen
  Politik,  die  darauf  hinauslief,  die  Rivalität  zwischen  Osterreich  und
Preußen  in  Deutschland  zu  erhalten,  beide  aber  möglichst  gleich  skark  zu
machen,  damit  Frankreich  nach  wie  vor  den  Schiedsrichter  zwischen  ihnen
spielen  könne,  und  kein  einheitlich  organisiertes,  militärisch  kräftiges  deutsches
Staatswesen  zum  Nachbarn  habe.  Dem  gegenüber  trat  der  Wunsch  nach
eigenen  Erwerbungen  bei  ihm  zunächst  zurück;  jedoch  wies  er  ihn  keineswegs
so  entschieden  von  der  Hand,  daß  man  hätte  sicher  sein  können,  er  werde
nicht  darauf  zurückkommen,  wenn  etwa  die  Gelegenheit  günstig  sei.  Auch
der  Gedanke  eines  rheinischen  Pufferstaates,  der  ja  an  ähnliche  Bestrebungen
Frankreichs  zur  Zeit  des  Wiener  Kongresses  erinnert,  war  wohl  nur  eine

1  Gegen  Thimme  Los  sei  bemerkt,  daß  Napoleons  Außerungen  am  rr.  Juli  zu  Goltz  und
Beust  und  die  gleichzeitigen  Worte  Drouyns  zu  Metternich  keineswegs  eine  Justimmung  zur
Ausdehnung  der  preußischen  Hegemonie  auf  Süddeutschland,  sondern  nur  zum  Ausschluß
HOsterreichs  enthielten.  Richtig  ist  die  Deutung  von  Muth  15f.,  Napoleon  habe  deutlich  erkennen
  lassen,  daß  für  ihn  der  Stein  des  Anstoßes  der  enge  Jusammenhang  zwischen  dem
Norden  und  Süden  Oeutschlands  sei.

Brandenburg,  Antersuchungen.  37