Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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vier  kosmologischen  Ideen  fließen  folgende  vier  Antinomien  der  reinen
Vernunft,  die  um  so  schärfer  in  die  Erscheinung  treten,  als  es  sich  hierbei
um  Objekte  der  Sinnenwelt  handelt.

I.  Die  Antinomie  der  Quantität.  Thesis:  Die  Welt  hat  der  Zeit
und  dem  Raum  nach  einen  Anfang.  —  Antithesis:  Die  Welt  ist  der
Zeit  und  dem  Raum  nach  unendlich.

II.  Die  Antinomie  der  Qualität.  Thesis:  Alles  in  der  Welt
besteht  aus  dem  Einfachen.  —  Antithesis:  Es  ist  nichts  Einfaches,  sondern
  alles  ist  zusammengesetzt.

III.  Die  Antinomie  der  Relation.  Thesis:  Es  gibt  in  der  Welt
Ursachen  durch  Freiheit.  —  Antithefsis:  Es  ist  keine  Freiheit,  sondern
alles  ist  Natur.

IV.  Die  Antinomie  der  Modalität.  Thesis:  In  der  Reihe  der
Weltursachen  ist  irgend  ein  notwendiges  Wesen.  —  Antithefis:  In  dieser
Reihe  ist  nichts  notwendig,  sondern  alles  ist  zufällig.

Kant  führt  den  Beweis  derartig,  daß  er  die  dogmatischen  Behauptungen
  der  Thesis  mit  der  empirischen  Unzulänglichkeit  der  Antithesis
  widerlegt  und  umgekehrt.  Die  Behauptungen  der  Antithesis
stützen  sich  nicht  allein  auf  die  Erklärungen  der  Erscheinungen  in  der
Welt  durch  ein  Prinzipium  des  reinen  Empirismus,  sondern  auch  auf
die  Auflösung  der  transzendentalen  Ideen  vom  Weltall  selbst.  Hingegen
  legen  die  Behauptungen  der  Thesis  außer  der  empirischen  Erklärungsart
  innerhalb  der  Reihe  der  Erscheinungen  noch  über  die  Erfahrung
  hinausgehende  intellektuelle  Anfänge  zugrunde,  wodurch  sie
zum  Dogmatismus  der  reinen  Vernunft  werden.  Der  Dogmatismus
hat  hierbei  ein  gewisses  praktisches  Interesse,  denn  die  Behauptungen,
daß  die  Welt  einen  Anfang  habe,  daß  mein  denkendes  Selbst  einfacher
und  unverweslicher  Natur  und  in  seinen  willkürlichen  Handlungen  frei
und  unabhängig  vom  Naturzwang  sei,  und  daß  die  Ordnung  der  Welt
von  einem  Urwesen  abstamme,  von  dem  alles  seine  Einheit  und  zweckmäßige
  Verknüpfung  entlehnt,  das  sind  Grundsteine  der  Moral  und
Religion,  die  die  Antithesis  von  ihrem  Standpunkt  aus  nicht  gelten
lassen  kann.  Hierzu  kommt  noch  ein  spekulatives  Interesse,  indem  man
vom  Unbedingten  ausgeht,  um  das  Bedingte  begreiflich  zu  finden  und
ein.  Vorzug  der  Popularität,  der  darin  liegt,  daß  der  durchschnittliche
Menschenverstand  es  bequemer  findet,  von  den  Gründen  zu  den  Folgen
zu  gehen  als  umgekehrt,  wobei  er  nicht  über  die  Möglichkeit  des
unbekannten  Ersten  nachzudenken  hat.  Aber  auch  die  Antithesis  kann
dogmatisch  wirken,  wenn  sie  mit  ihren  Verneinungen  über  die  Grenze
ihrer  möglichen  Erkenntnis  geht.  Jedenfalls  kann  man  die  Antinomien
nicht  auflösen,  daß  man  eine  dogmatische  Behauptung  durch  die  andere
ersetzt;  hierdurch  ist  die  Auflöfung  nicht  nur  ungewiß,  sondern  un-