6 Oer Seekrieg vom 2. August 1914 bis 24. Februar 1915
berühmten Buche vom „Einfluß der Seemacht auf die Geschichte“ den San
geprägt: „Die natürlichen Triebe einer Seemacht gelten dem Frieden, da
außerhalb ihrer Meeresküsten so vieles auf dem Spiele steht.“ Das ist
richtig, kennzeichnet aber nur die WVerlehlichkeit eines auf seine Seemacht
gestellten Staates und nicht etwa die moralische Grundsählichkeit der von
diesem Staate befolgten Politik.
Englands berrschende, aber verletzliche Weltstellung ruhte zu Beginn des
Weltkrieges auf der Seegewalt, die es durch die Entente cordiale befestigt
und mehr als je zuvor zum ausschlaggebenden Faktor seiner Politik gemacht
hatte. Solange die Welt sich zum Imperialismus bekannte, durfte es an
dieser Hegemonie nicht rütteln lassen. Dadurch wurde das Droblem von der
Freiheit der Meere zum Kardinalproblem der Weltpolitik erhoben. Keine
seefahrende Nation, kein handeltreibendes Volk, kein auf Jufuhr oder Ausfuhr
angewiesener Staat war an der Lösung des Problems unbeteiligt. Es
bedurfte eines Weltkrieges, diese weltwirtschaftliche Interessenverflechtung
klarzustellen.
Die weltgeschichtliche Bedeutung des maritimen Dbergewichts Eng.
lands ist im neunzehnten Jahrhundert ins NRiesenhafte gewachsen. Ale
die Dampfschiffahrt den Seemann von NDolus’ Launen unabhängig machte,
reiste Englands #berlegenheit zur Allgegenwärtigkeit. Zu diesem wunder.
baren Ergebnis der modernen Technik tat die britische Seestrategie das Ihre.
Getragen von der welterfassenden egozentrischen Politik ihres Landes,
schuf sich Englands Flotte im Laufe eines Menschenalters ein Netz von
Kohlenstationen und Stügpunkten, das fein verzweigt die ganze Erde untspannte
und die britische Seemacht zur Herrin der „kleiner“ gewordenen
Welt machte.
Man bedurfte freilich der Erfindung der Dampfmaschine nicht, um
die Lage zu erkennen, in die die politische Welt durch die britische Vorherr--schaft
zur See verseht worden war. Die Machtvollkommenheit Englands,
den Begriff der Freiheit der Meere nach eigener Rechtsanschauung zu
bestimmen, war schon im Jahre 1778 so groß, daoß die übrige Welt die englische
Seeherrschaft schon damals als eine Berneinung der Freiheit der Meere
empfand und sich dagegen auflehnte.
England hatte während des Krieges mit den Wereinigten Staaten
von Amerika, Frankreich und Spanien das Seebeuterecht rücksichtslos
wahrgenommen und seinen Kapern freie Hand gelassen, Bannware und
Feindesgut auch von den Schiffen befreundeter Nationen wegzunehmen.
Oa trat Katharina II. als Schützerin des freien Handels auf. Sie verlangte
in einem 1780 veröffentlichten Manifest, daß neutrale Schiffe von
Hafen zu Hafen und in den Küstengewässern ungehindert fahren, daß sie alle
Güter, auch die von Untertanen kriegführender Länder, bis auf Kriegsbann.
ware verfrachten, daß nur Waffen und Schießvorräte als Kriegsbaunware