Geistiges Leben in Berlin. 159
wurde die Ruhr der Schifffahrt eröffnet; der König selber nahm sich mit
Eifer des Weichselthales an, wo die mächtigen Deichbauten des deutschen
Ordens unter der polnischen Herrschaft ganz verfallen waren. Der
Bergbau, der schon durch Heinitz, den Lehrer Stein's, erheblich gewonnen
hatte, nahm einen neuen Aufschwung als Graf Reden die großen Gruben—
werke in Oberschlesien einrichtete. In dem neugegründeten statistischen
Bureau waren Krug und Hoffmann thätig, für die Leitung der Bank
ward Niebuhr aus Dänemark berufen.
In der öffentlichen Meinung wurde der neuen Regierung nichts so
hoch angerechnet wie die Entlassung des verhaßten Wöllner und die that—
sächliche Beseitigung seines harten Religions-Edictes. Die Versicherung
des jungen Fürsten, Vernunft und Philosophie seien die unzertrennlichen
Begleiter der Religion, war der aufgeklärten Welt recht aus dem Herzen
gesprochen, weil sich Jeder etwas Anderes dabei denken konnte. Als der
König aber den von seinem Lehrer Sack entworfenen Vorschlag zu einer
gemeinsamen evangelischen Agende den Kirchenbehörden empfahl, da zeigte
sich wieder, daß die Krone ihrem Volke um eine gute Strecke voraus war.
Er mußte seine Unionspläne auf bessere Zeiten vertagen, denn in den
zarten kirchlichen Fragen wollte er noch bedachtsamer und rücksichtsvoller
vorgehen als in der Politik. Dieselbe Bedächtigkeit verschuldete auch, daß
die in unzähligen Denkschriften und Abhandlungen erwogene Reform des
Schulwesens vorläufig unterblieb; man ward nicht schlüssig zwischen all
den verschiedenen Erziehungsmethoden, welche das Zeitalter Pestalozzi's
unermüdlich zu Tage förderte. Für die Gelehrsamkeit wurde mit einem
in Preußen unerhörten Eifer gesorgt; die Scheidewand, welche den alten
Staat so lange von der deutschen Wissenschaft getrennt hatte, brach endlich
zusammen. Alexander Humboldt, Johannes Müller, Hufeland und
eine lange Reihe namhafter Gelehrten wurden nach Berlin gerufen; auch
Fichte, durch den Glaubenseifer der kursächsischen Lutheraner aus Jena
vertrieben, fand eine Zuflucht an der Spree. Das wissenschaftliche Leben
der Hauptstadt fing an in einem großen Zuge sich zu bewegen. Schon
im Winter 1786 wurden dort einundzwanzig Curse öffentlicher Vorlesungen
angekündigt, seitdem gewannen sie noch an Zahl und Bedeutung; in
Berlin hielt A. W. Schlegel jene literarhistorischen Vorträge, welche das
wissenschaftliche Programm der romantischen Schule aussprachen. Die
Sammlungen des königlichen Hauses, die der junge König zuerst dem
Publikum öffnete, und vor Allem das Theater, damals unter Iffland's
Leitung noch eine große nationale Bildungsanstalt, beförderten einen bewegten
Gedankenaustausch; und so wurde ganz von selber die Frage laut,
ob dieser Reichthum geistigen Lebens nicht in einer Hochschule einen wissenschaftlichen
Mittelpunkt finden solle. Keine der deutschen Universitäten
ist so naturgemäß entstanden wie die Berliner; sie war im Grunde schon
vorhanden bevor sie förmlich eingerichtet wurde. Doch auch dieser Plan