Volltext : Bismarcks Staatsrecht.

452

lassen.  Wir  wollen  die  Waffen  auf  dem  Fechtboden  niederlegen,
aber  weggeben  wollen  wir  sie  nicht.  Wir  glauben,  daß  wir  jetzt
Frieden  erhalten  werden,  aber  die  Zeit  kann  schnell  wieder  da
sein,  wo  wir  die  Waffen  brauchen.“

Gegen  Virchow  bemerkte  Bismarck  bei  der  Beratung  des
ersten  Friedensgesetzes  im  Jahre  1880:

„Der  Herr  Vorredner  hat  ja  vollständig  recht,  wenn  er  sagt,
daß  dieser  Kampf,  den  er  selbst  den  Kulturkampf  genannt  hat,
seine  wesentliche  politische  Seite  hat.  Die  römische  Kirche  ist  von
jeher  nicht  bloß  eine  geistliche  und  kirchliche,  sondern  auch  eine
politische  Macht  gewesen,  und  der  Herr  Vorredner  hat  uns  darüber
  nichts  neues  gesagt,  die  wir  unsere  deutsche  Geschichte  tausend
Jahre  rückwärts  kennen.  Das  Papsttum  ist,  wie  jede  Kirche  gelegentlich,
  eine  sehr  starke  politische  Macht  gewesen.  Rein  konfessionelle
  Kämpfe  würde  ich  überhaupt  nicht  führen;  wenn  der
politische  Beisatz,  die  Machtfrage  nicht  wäre,  eine  Machtfrage,
die  auch  in  der  vorchristlichen  Zeit  sich  zwischen  Königen  und
Priestern  kenntlich  gemacht  hat  —  wenn  die  nicht  da  wäre,  würde
ich  ja  mit  einer  solchen  Entschiedenheit  in  diesen  Kampf  nicht
eingetreten  sein,  da  ich  konfessionelle  Stellungen  nicht  bekämpfe.

Der  Herr  Vorredner  hat  mir  vorgeworfen  und  hat  auch
darin  wieder  den  üblichen  Mangel  an  Konsequenz  bei  mir  entdeckt,
  daß  ich  diesen  Kampf  nicht  fortgesetzt  hätte,  daß  ich  ihn
eine  Zeit  hindurch  mit  Lebhaftigkeit  betrieben  und  nachher  fallen
gelassen  hätte.  Nun,  jeder  Kampf  hat  seine  Höhe  und  seine
Hitze,  aber  kein  Kampf  im  Innern  zwischen  Parteien  und  der
Regierung,  kein  Konflikt  kann  von  mir  als  eine  dauernde  und
nützliche  Institution  behandelt  werden.  Ich  muß  Kämpfe  führen,
aber  doch  nur  zu  dem  Zweck,  den  Frieden  zu  erlangen;  diese
Kämpfe  können  sehr  heiß  werden,  das  hängt  nicht  immer  von
mir  allein  ab  —  aber  mein  Endziel  ist  dabei  immer  doch  der
Friede.  Wenn  ich  nun  glaube,  in  der  heutigen  Zeit  diesem
Frieden  mit  mehr  Wahrscheinlichkeit  näher  zu  kommen,  als  in
der  Zeit,  wo  des  Kampfes  Hitze  entbrannte,  so  ist  es  ja  an  sich
meine  Pflicht,  dem  Frieden  meine  Aufmerksamkeit  zuzuwenden