Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

Erankrei.  (Juni  26.  —  Juli  2.)  281

26.  Juni.  Die  130  republikanischen  Senatoren  übernehmen,
da  die  Regierung  ihnen  nichts  anhaben  kann,  die  offizielle  Leitung
der  republikanischen  Wahlagitation.  Die  Mitwirkung  des  Hru.  Dusaure
  bei  dieser  Generaldirektion  ist  ein  Ereigniß.  Die  Direktion
setzt  sofort  einen  ausschließlich  aus  juristischen  Größen  bestehenden
Ausschuß  als  Rechtsbeistand  für  die  Wähler  und  alle  sonstigen
Staatsbürger  nieder,  welche  Prozesse  gegen  Beamte  wegen  Mißbrauchs
  der  Amtsgewalt  zu  unternehmen  haben.  Im  Ausschusse,
dessen  Präsident  Hr.  Dufaure  ist,  sitzen  Hr.  Renouard  und  Hr.  Faustin
Hellc  vom  Cassationshof,  also  drei  der  höchsten  und  verehrtesten
Würdenträger  des  französischen  Rechts  wie  der  Ehre  des  französischen
Richterstandes.  Zugleich  erlassen  die  130  republikanischen  Senatoren
ein  Manifest,  welches  das  Land  auffordert,  die  363  Deputirten  der
Linken  wieder  zu  wählen.

1.  Juli.  Die  Ruhe  des  Landes  ist  bis  jetzt  eine  vollständige
und  geradezu  musterhafte,  zur  Verzweiflung  des  neuen  Regiments
Broglie-Fourton,  das  nichts  lieber  sähe,  als  Ausschreitungen  von
Seite  der  republikanisch  gesinnten  Bevölkerung,  dic  es  niederschlagen
könnte.  Allein  es  findet  auch  nicht  den  mindesten  Anlaß  zur  Anwendung
  materieller  Gewalt.  Die  Rollen  sind  geradezu  vertauscht:
die  conservativen  Blälter  thun  alles  Mögliche,  um  ihre  Anhänger
in  Bewegung  zu  bringen,  die  liberalen  und  republikanischen  dagegen
predigen  unausgesetzt  Ruhe  und  Ordnung.

2.  Juli.  Die  Regierung  beschließt  die  Wiedereinführung  der
offiziellen  Candidaturen  wie  unter  dem  Kaiserreich.  Allein  zwei  Momente
  bereiten  ihr  dabei  große  Schwierigkeiten:  einmal  die  Vertheilung
  der  Candidaturen  unter  die  verschiedenen  Parteien  der  Legitimisten,
  Bonapartisten  und  Clericalen,  die  alle  ungemessene  Ansprüche
gegen  einander  machen,  welche  sich  nicht  mit  einander  vereinigen  lassen;
und  dann  hätte  die  Regierung  gewünscht,  daß  alle  antirepublikanischen,
  offiziellen  Candidaten  ohne  Scheidung  und  Gegensätze  lediglich
als  Candidaten  der  Regierung  oder  des  Marschalls  auftreten  möchten,
während  die  verschiedenen  royalistischen  Parteien  es  verschmähen,  sich
Candidaten  des  Marschalls  zu  nennen  und  vielmehr  entschieden  verlangen,
  unter  ihrer  eigenen  Fahne,  als  Legitimisten,  Bonapartisten
oder  Clerikale  in  den  Wahlkampf  einzutreten.  Alle  Versuche,  ein
gemeinsames  Wahlcomits  aller  conservativen  Parteien  zu  Stande  zu
bringen,  scheitern  auch  hieran  und  die  Parteien  beeilen  sich,  jede  ihr
eigenes  Wahlcomits  aufzustellen.