114 Zweiteo Buch. Der Bau deo Einheitsstaates.
eines gesunden Egoismus konnte es sich davor behüten, wie
bisher so oft, von den anderen Großmächten benutzt und dann
unbelohnt beiseite geschoben zu werden. Dem äußeren Anschein
nach in der alten innigen Verbindung mit Oesterreich
sowohl wie Rußland, fing Preußen doch bereits an, sich innerlich
von beiden zu lösen und durch die geflissentlich minder
starke Betonung des alten Gegensatzes zu Frankreich, das jenen
beiden als Träger einer neuen siegreichen Revolution doppelt
verhaßt war und gefährlich erschien, zwischen den beiden gleich
reaktionären Kaiserreichen und den überall die nationalen und
liberalen Bewegungen begünstigenden Westmächten eine Stellung
zu gewinnen, die ihm eine größere Geltung im Rat der europäischen
Mächte verhieß. Noch knüpfte es an jene die gemeinsame
Sorge für die Behauptung ihrer polnischen Lande; auf
diese wies es die fortschreitende Erkaltung seines Verhältnisses
zu Oesterreich hin, das in dem Zollverein den ersten Schritt zu
der Brechung seiner Vorherrschaft in Deutschland bekämpfte.
Auch in Deutschland erfuhr Preußens Stellung von hier
aus eine Besserung. Die Gefahr eines europäischen Krieges,
welche die Zulirevolution heraufbeschwor, brachte mit seiner
militärischen Leistungsfähigkeit auch seine Unentbehrlichkeit weiteren
Kreisen lebendiger zum Bewußtsein. In bewußtem Widerspruch
gegen beide waren die 1821 getroffenen Bestimmungen
über die Bundeskriegsverfassung auf die Fiktion gegründet, die
Träger der deutschen Wehrkraft seien eigentlich die Mittelstaaten,
und daher war ihnen die Stellung von vier Armcecorps
von insgesamt 120 000 Mann zugewiesen, während
Oesterreich 97 000 und Preußen 80 000 Mann aufbringen, den
Feldherrn aber der Bundestag wählen sollte. Zur Ausführung
dieses papiernen Programms war natürlich seither nichts geschehen.
Um so größeren Eindruck machte nun die Erkenntnis
von der thatsächlich hilflosen Lage des Bundes im Falle eines
Krieges, namentlich in Süddeutschland. Obenein traute man
vielfach auch den eigenen Unterthanen nicht. Es wäre freilich
nicht zu verwundern gewesen, wenn diese nach der Behandlung,
die sie seit Jahren erfuhren, mit Frankreich sympathisiert hätten.
Auch Friedrich Wilhelm drückte diese Sorge: er verlangte von