Full text : Der deutsche Verfassungsstaat und die Parteien.

Parlamentarismus  an.  Cr  hatte  zur
nächsten  Folge,  daß  sich  am  9.  Juni  1861
unter  Führung  des  Obertribunalsrats
Waldeck  aus  den  Junglitauern,  aus
Anhängern  der  Demokratie  und  einzelnen
Gliedern  der  bisherigen  liberalen  Partei
eine  neue  Partei,  die  Fortschrittspartei,
  bildete.  Zu  ihren  Gründern  gehörten
  neben  Waldeck  die  hervorragenden
Parlamentarier  Schulbe  =  Delitzsch.  von
Hoverbeck,  von  Forckenbeck,  Virchow,
Mommsen,  Duncker,  von  Unruh,  Werner
Siemens,  Langerhans  ufw.  Später
trennte  sich  von  den  Liberalen  unter
Führung  des  Abgeordneten  von  Bockum-Dolffs
  noch  ein  etwas  weniger  „sfortschrittlich"
  gefärbtes  linkes  Zentrum  ab,
welches  aber  bald  ganz  zu  der  Fortschrittspartei
  hielt,  während  der  übrigbleibende
Teil  der  Vinckeschen  Liberalen  als  „altliberale
  Partei“  mit  ihrem  bisherigen
Programm  bestehen  blieb.  Die  Grundlage
  der  Fortschrittspartei  war  im  wesentlichen
  das  oben  skizzierte  Programm  der
Junglitauer.  Sie  übernahm  im  Ab
geordnetenhause  bald  die  Führung  im
Kampfe  gegen  die  Armeereorganisation
und  für  die  „Volksrechte“,  fand  aber  in
dem  Ministerpräsidenten  Otto  von  Bismarck-
  Schönhausen  und  dessen  Ministerkollegen,
  vornehmlich  in  dem  streitbaren
Kriegsminister  Albrecht  von  Roon  ebenbürtige
  Gegner  und  zuletzt  ihre  Meister.
Unter  dem  Ringen  dieser  gewaltigen
Geistesheronn  ging  das  Königtum  als
Sieger  aus  dem  Machtkampf  hervor.  Die
Ereignisse  von  1866  verleugneten  die  Fortschrittspartei
  und  ihre  Mitkämpfer  vollends.
Die  breiten  Volksmassen  traten  auf  die
Seite  des  Königs  Wilhelm  und  seines
großen  Kanzlers.  Ganz  neue  Einsätze
kamen  für  den  preußischen  Staat  und  auch
für  die  preußische  Volksvertretung  in
Frage.  ollte  der  Liberalismus  nicht
seine  Zukunft  völlig  preisgeben,  so  mußte
er  mit  den  neugegebenen  Verhältnissen

rechnen.  Das  führte  die  Mehrzahl  der
bisherigen  liberalen  Abgeordneten  im
preußischen  Abgeordnetenhause  in  Verbindung

  mit  vielen  freisinnigen  Vertretern
aus  den  Einzelstaaten  des  neubegründeten
Norddeutschen  Bundes  zu  der  Bildung  der
Nationalliberalen  Partei,  die  nach
ihrem  im  Jahre  1867  veröffentlichten
Programm  die  freiheitlichen  Grundsätze
mit  den  Anforderungen  der  nationalen
Wohlfahrt  und  den  Bedürfnissen  des  neuen
Bundes  in  Einklang  zu  bringen  suchte.
Nur  ein  verhältnismäßig  kleiner  Teil  der

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Fortschrittspartei  blieb  der  alten  Fahne
getreu.  Dieselbe  erregte  aber  schon  allgemeines
  Befremden,  als  sie  in  dem
konstituierenden  Reichstag  des  Norddeutschen
Bundes  die  nene  Vorfassung  ablehnte.
Diesen  Fehler  machte  sie  zwar  im  Jahre
1871  durch  die  Preisgabe  des  Widerspruchs
gegen  die  neue  Bundesverfassung  für  den
gesamten  deutschen  Nationalstaat  wieder
gut;  aber  sie  beharrte  in  ihrem  Widerspruch
  gegen  jede  militärische  Neuerung,
plädierte  kurz  vor  dem  großen  Kriege  von
1870  noch  für  eine  Abrüstung  und  verwarf
  auch  nachher  viele  treffliche  Reichsgesetze
  wie  die  neuen  Reichsjustizgesetze,
die  gesamte  Kolonialpolitik,  die  Wirtschaftsreformen
  und  alle  Militärvorlagen,  so
daß  sich  schon  im  Jahre  1874  wieder
eine  Gruppe  unter  Führung  der  Abgcordneten
  Löwe  und  Berger  von  ihr  ablöste,
die  indessen  gleich  in  der  nächsten  Legislaturperiode
  wieder  zerfiel.  Am  5.  März  1881
sahen  sich  die  damaligen  Mitglieder  der
Fortschrittspartei  veranlaßt,  sogar  ihren  althistorischen
  und  immerhin  sehr  volkstüm-.
lichen  Namen  abzulegen,  um  sich  mit  den
Angehörigen  einer  verwandten  Parteifärbung
  zu  der  deutsche  freisinnigen
Partei  zu  vereinigen.  Damit  schwand  die
Fortschrittspartei  vollständig  aus  dem  politischen
  Leben  und  erwachte  auch  nicht
zu  einem  neuen  Dasein,  als  die  große,  bis  auf
110  Köpfe  angewachsene  deutsch  freisinnige
Partei  sich  nach  der  Reichtagsauflösung  vom
6.  Mai  1898  wegen  der  Neufestsetzung  der
Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  wieder
spaltete.  Ein  Teil  der  Deutsch-Freisinnigen
glaubte  nach  allen  Erfahrungen  der  Vergangenheit
  nicht  mehr  grundsätzlich  gegen
alle  neuen  Heeresvorlagen  stimmen  zu
sollen.  Auf  Veranlassung  des  hochangesehenen
  Parteihanptes,  des  Abgeordneten
Richter,  wurde  derselbe  zum  Austritt  aus
der  Partei  gezwungen  und  bildete  nun
eine  besondere  „freisinnige  Vereinigung“,
  worauf  der  Rest  den  unterscheidenden
  Namen  „freisinnige  Volkspartei“
  annahm.  In  dieser  Form  bestehen
beide  Gruppen  noch  heute.

Als  es  im  Jahre  1866  zu  der  vorgedachten
  großen  Krisis  im  liberalen  Lager
gekommen  war,  blieb  die  altliberale  Partei
anfänglich  noch  bestehen,  aber  sie  löste  sich
im  Norddeutschen  Reichstag  bald  auf  und
ihre  Mitglieder  traten  zu  verschiedenen
anderen  Gruppen  über.  Ebenso  bestand
für  kurze  Zeit  noch  eine  „Freie  Vereinigung“,
gebildet  aus  dem  Rest  der  alten  preußischen
Fraktion  von  Bockum-Dolffs.  Das  Uber-