Full text : Geschichte der Hohenzollern.

Fast  zwei  Monate  zuvor,  am  26sten  September,  hatten  die  drei  Monarchen
  von  Preußen,  Oestreich  und  Rußland  unter  dem  Einflusse  der  ungeheuren
Ereignisse,  welche  die  letzten  Jahre  ihren  Augen  vorübergeführt  hatten,  und  mit
inniger  Dankbarkeit  gegen  die  Vorsehung,  die  mit  sichtbarem  Finger  die  Begebenheiten
  gelenkt  hatte,  ein  auf  die  Gebote  der  Sittlichkeit  und  der  Religion
gegründetes  Bündniß,  den  sogenannten  „heiligen  Bund“  abgeschlossen.  Mit
ihm  sollte  gleichsam  eine  neue  Zeit  in  der  Weltgeschichte  gebildet  werden,  indem
die  durch  die  Verschiedenheit  der  Interessen,  der  Religion  und  der  Nationalität
gezogenen  Schranken  durch  die  Herrschaft  der  höchsten  Vernunft  und  der
christlichen  Liebe  beseitigt  würden.

Die  drei  Monarchen  erklärten  im  Eingange  dieser  jedenfalls  merkwürdigen
und  beim  Abschluß  gewiß  treugemeinten  Urkunde:  „Sie  wären  in  Folge  der
großen  Ereignisse  in  den  letzten  drei  Jahren  zu  der  innigsten  Ueberzeugung
gelangt,  daß  fie  all  ihr  Thun  auf  die  erhabenen  Wahrheiten,  welche  uns  die
Religion  unseres  Heilandes  lehrt,  gründen  und  daher  in  der  Verwaltung  ihrer
Staaten,  so  wie  in  ihren  wechselseitigen,  politischen  Verhältnissen  nur  die  Vorschriften
  der  Gerechtigkeit,  der  christlichen  Liebe  und  des  Friedens  zur  Regel
machen  müßten.  Daher  würden  die  drei  contrahirenden  Monarchen  den  Worten
der  heiligen  Schrift  gemäß  durch  die  Bande  einer  wahren  und  unzertrennlichen
Brüderschaft  vereinigt  bleiben,  sich  als  Landsleute  betrachten  und  in  jedem
Falle  Hülfe  und  Beistand  leisten,  auch  ihre  Unterthanen  und  Heere,  als  deren
Familienväter  sie  sich  ansähen,  in  eben  dem  Geiste  der  Brüderlichkeit  leiten.
Der  einzige  Grundsatz  würde  demnach  für  sie  sein,  sich  gegenseitig  Dienste,  sich
durch  ein  unveränderliches  Wohlwollen  die  gegenseitige  Zuneigung  zu  bezeugen
und  sich  alle  nur  als  Mitglieder  einer  und  derselben  christlichen  Nation  zu  betrachten.
  Die  drei  Monarchen  sähen  sich  als  Bevollmächtigte  der  Vorsehung
an,  um  drei  Zweige  einer  und  derselben  Familie  zu  beherrschen,  indem  sie  bekennen,
  daß  die  christliche  Religion,  zu  der  sie  und  ihre  Völker  gehören,  in  der
That  keinen  anderen  Souverän,  als  denjenigen  haben,  dem  allein  die  Macht
gebührt,  nämlich  Gott  und  unseren  Erlsser  Jesus  Christus,  das  Wort  des
Allerhöchsten,  das  Wort  des  Lebens.  Ihre  Majestäten  empfehlen  daher  ihren
Völkern,  mit  der  zärtlichsten  Sorgfalt  sich  täglich  mehr  in  den  Grundsätzen  und
in  der  Ausübung  der  Pflichten  zu  verstärken,  welche  der  göttliche  Heiland  den
Menschen  gelehrt  hat.  Alle  Mächte,  welche  die  heiligen  Grundsätze  dieser  Alte
feierlich  anerkennen  würden,  sollten  mit  Bereitwilligkeit  und  Zuneigung  in  diese
Allianee  aufgenommen  werden.“

Wir  können  überzeugt  sein,  daß  dieser  Bund  aus  einer  aufrichtigen,  für
das  wahre  Heil  der  Völker  glühenden  Gefinnung  entsprossen  war,  denn  er  sioß
aus  dem  weichen,  für  das  Wohl  der  Menschheit  schwärmenden  Herzen  des
Kaisers  Alerander,  und  wurde  von  dem  wahrhaft  religiös  gesinnten  Friedrich
Wilhelm  III.  von  ganzem  Herzen  gebilligt.  Auch  war  der  Augenblick  zu  so
enthustastischen  Schlüssen  geeigneter,  als  je  einer  in  dem  ganzen  Laufe  der