24. März bis 24. November l1918 689
So wurde die österreichische Offensive zu einer unfruchtbaren Teilhandlung,
die nur dann auf entscheidende Bedeutung Anspruch hätte, wenn sie in Osterreich-
Ungarn, wo ohnedies die schwierigsten Konflikte zu lösen bleiben, zerseyende po-
litische Wirkungen auslöstc. Ob und in welcher Weise sic auf die Entwicklung der
deutschen Offensive im Westen wirkt — verläufig halten wir sie in dieser Hinsicht
für wenig in Betracht fallend —, bleibe bis zur Entfesselung des vierten
großen Schlachtaktes dahingestellt.
Sonntag, 7. Juli 1918 (Sonntagsausgabe).
Die Entwicklung, die mehr und mehr der sormalen milizärkritischen Berrachtung
entwächst, bis neue große Zusammenstöße die Aufmerksamkeit vom tieferen politischen
Geschehen ablenken und wieder auf das Schlachtfeld beschränken, wird inzwischen
durch Iwischen- und Vorkämpfe nur unwesentlich und kaum merklich beeinflußt.
Die Alliier ten sehen dem neuen Großkampf mit gesteigertem Vertrauen
entgegen, da sie noch Reserven erübrigt haben und ihnen der starke ameri.
kanische Nachschub moralische Bürgschaften bietet. Wir haben die Amerikaner
auf 500 000 Sereitbare, und zwor 250 000 feldfähige, zum Gefecht erzogene, und
250 000 nur im Grabenkampf geschulte Sereiter geschägt und müssen heute bei-
sgen, daß diese Zahlen sich rasch erhöhen; denn die erste Million Köpfe ist
lberschritten; und wenn auch davon seit dem 1. April 50 Prozent verschiffe
worden sind, also die Hälfte aus flüchtig aousgebildeten Mannschaften bestehe,
so macht sich doch das Gewicht der Masse im Werteidigungsverfahren geltend.
Das schwierigste Problem wird daher sein und bleiben, diese Masse zum Bewegungs.
krieg zu erziehen, der allein zum Jiele führt. Das haben die Engländer erfahren,
die zuerst mit staunenswerlem Erfolg an die Aufstellung einer Millionenarmec
aus dem Stegreif gegangen sind und darin nun von den Amerikanern noch üÜber.
troffen werden. Hirn und Kern des militärischen Widerstandes der Entente wird
aber stets die französische Armee mit ihrem gebildeten Generalstab, ihrem tüchtigen
Offizierskorps und ihrer elastischen, in allen Söteeln gerechten Truppe bilden. Sie
ist stark geschwächt, hält aber immer noch das Feld. Die zusammengefaßte deutsche
Heereskraft wird im bevorstehenden Entscheidungskampf den vereinigten fran.
zösischen, englischen und amerikanischen Kräften begegnen, nachdem sie Engländern
und Franzosen in drei Schlachten schwere Wunden beigebracht hat. Der neue
Kampf bringt also in jedem Falle die Enescheidung näher. Ob daraus politische
Folgerungen gezogen werden, ist freilich eine andere Frage.
Mittwoch, 17. Juli 1918 (Zweites Blatt).
Der erwartete vierte Schlachtakt an der Westfront hat begonnen. Er ha#t
zunächst den Reimser Abschnitt ergriffen. Es lag nahe, ihn in dieser Richtung
zu erwarten. Wie wir wiederholt, zuletzt am 12. Juli, ausgeführt haben, ist die
strategische Ausgabe der Deutschen weniger an die Erreichung bestimmter geo-
graphischer Ziele, als an die Zertrümmerung der aufgebauten, überreich mit un.
erseglichem Material ausgestatteten Steellungen und an die Zerreibung der zu ihrer
Verteidigung aufgebotenen Heereskräfte der Entente geknüpft. „Die vierte An-
griffsschlacht hat keinen anderen Zweck, als die Zertrümmerung dieser Haupt-
fräste fortzusegen“, die in den von Bpern bis Verdun reichenden Linien gebunden.
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