Die Häufigkeit der Selbstmorde in den größeren Orten des
Deutschen Reiches.
Berichterstatter: Regierungsrath Dr. Nahts.
Mehrfach ist neuerdings die öffentliche Aufmerksamkeit auf die hohe Zahl der
Selbstmorde in den europäischen Kulturstaaten gelenkt und deren Zunahme als eine
beklagenswerthe Begleiterscheinung der modernen Civilisation bezeichnet worden. Eine
nähere Betrachtung der hierüber vorliegenden Zahlenangaben zeigt, daß die Häufigkeit
der Selbstmorde, welche man in erster Linie von den sittlichen und sozialen Zuständen
der Bevölkerung abhängig glaubt, anscheinend auch durch andere, örtliche Verhältnisse
in hohem Grade beeinflußt wird, da es Gebiete giebt, in denen die Neigung zum Selbstmorde
eine fast endemische Verbreitung zeigt, während in anderen Gegenden, deren Bewohner
unter ganz ähnlichen äußeren Verhältuissen leben, Fälle von Selbstmord nur
selten registrirt zu werden pflegen.
Bereits früher ist in den „Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte"
(Band VI, S. 251 u. 441) einerseits auf die besondere Häufigkeit der Selbstmorde in
den Städten der Schweiz, andererseits auf deren Seltenheit in den Niederlanden
hingewiesen, und Jahr für Jahr wiederholen sich solche Beobachtungen mit einer überraschenden
Regelmäßigkeit.
Im Deutschen Reiche ist seit vielen Jahren die Zahl der registrirten Todesfälle
durch Selbstmord eine beträchtliche gewesen, doch findet man auch hier innerhalb der
einzelnen Staaten und staatlichen Gebietstheile eine große Verschiedenheit, welche darauf
schließen läßt, daß unter den Beweggründen zum Selbstmorde neben sozialen und erziehlichen
Mißständen auch der Nachahmungstrieb bezw. die Verleitung durch böses
Beispiel eine nicht zu unterschätzende Nolle spielen.
Um den weiteren Ursachen der bedauerlichen Erscheinung näher nachgehen und
vielleicht hier und da Maßregeln zur Abwehr in Erwägung ziehen zu können, ist es
von Werth, durch statistische Vergleiche zunächst festzustellen, wo die Neigung zum Selbstmorde
vorzugsweise Verbreitung gefunden hat. Die dem Kaiserlichen Gesundheitsamte
aus allen größeren Orten des Deutschen Reiches wöchentlich bezw. monatlich zugehenden,
meist unter ärztlicher Mithülfe sorgsam gefertigten Ausweise über die Ursachen der
Sterbefälle enthalten ein besonders werthvolles Material zur Beantwortung dieser
Frage, und ist dasselbe daher nachstehend zunächst für fünf Jahre tabellarisch zusammengestellt
und einer kurzen Besprechung unterzogen.
Von vornherein muß allerdings allen statistischen Angaben über die Selbstmorde
ein gewisses Mißtrauen insofern entgegengebracht werden, als bekanntlich in der Bevölkerung
des Reiches der Selbstmord eines Angehörigen vielfach als ein zu verheimlichendes
Ereigniß betrachtet wird, daher dem registrirenden Standesbeamten die wahre
Veranlassung eines durch Selbstmord eingetretenen, plötzlichen Todesfalles sicherlich
mitunter verschwiegen wird.
Um die beregte Fehlerquelle erkennen und nach Möglichkeit ausgleichen zu können,
sah sich der Berichterstatter veranlaßt, gleichzeitig mit den Selbstmordfällen auch die
sonst auf gewaltsame Weise herbeigeführten plötzlichen Todesfälle, soweit sie angeblich