Metadata : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

20  Graf  Dönhoff  am  Bundestag.

wenden,  die  Radowitz  nur  äußerstenfalls  gebrauchen  will,  und  um  die  er  sowohl
  wie  der  König  herumzukommen  hoffen,  wenn  sie  mit  ihrer  Anwendung
drohen.  Dönhoff  will  in  der  Tat  Preußen  dauernd  die  leitende  Stellung  im
engeren  Deutschland  sichern  und  nur  einelockere  Verbindung  mit  HÖsterreich  aufrechterhalten;
  sein  Programm  läuft  auf  die  Begründung  des  engeren  Bundes
innerhalb  des  weiteren  hinaus;  er  hat  wirklich  von  Anfang  an  die  Gedanken
vertreken,  die  Rachfahl  dem  Könige  und  Radowitz  mit  Unrecht  zuschreibt.!
Von  einer  Teilnahme  der  Bevölkerung  an  der  Regierung  des  Bundes
ist  in  dieser  Denkschrift  noch  nicht  die  Rede.  Auch  als  die  Revolutionsgefahr
näher  rückt,  tritt  Dönhoff  zwar  kräftig  dafür  ein,  daß  Preußen  anstatt  Österreich
  das  Steuer  der  deutschen  Politik  ergreife,  daß  es  die  Öffentlichkeit  der
Bundestagsverhandlungen  fordere  und  den  süddentschen  Staaten  den  ersehnten
  festen  Rückhalt  gewähre  —  aber  von  einer  Volksvertrekung  am
Bunde  spricht  er  auch  da  noch  nicht.  Erst  am  28.  Februar  findet  sich  in
seinen  Berichten  eine  Andeutung  dieser  Art,  indem  er  gegen  die  damals
geplanke  Ernennung  von  Radowitz  zum  Bundestagsgesandten  das  Bedenken
  erhebt,  dieser  gelte  für  ultramontan  und  für  antikonstitutionell,
und  daher  werde  seine  Entsendung  nach  Frankfurt  das  Verhältnis  Preußens
zur  nationaldeutschen  Richtung  verfälschen.  Am  Tage  darauf  —  nach  dem
Bekanntwerden  des  Sieges  der  Revolution  in  Paris  und  des  Gagernschen
Antrages  —  sagt  er  zuerst  offen,  das  allgemeine  Verlangen  gehe  auf  engere
nationale  Verschmelzung  unter  Einfügung  freier  Institutionen  und  fragt
an,  ob  der  König  im  Prinzip  damit  einverstanden  sei.“
K.  Aus  den  Mitteilungen  von  Koser  und  Rachfahl  weiß  man,  daß  Dönhoff
auf  eigene  Faust  am  Bundestage,  wo  er  in  Abwesenheit  des  österreichischen
Gesandten  das  Präsidium  führte,  im  Sinne  der  von  ihm  befürworteten
Politik  vorging;  öffentliche  Erklärungen  und  einzelne  Beschlüsse  des  Bundestages
  sollten  der  Nation  zeigen,  daß  man  in  Frankfurt  die  Bedürfnisse  der
JZeit  erkannt  habe  und  sie  auf  dem  Wege  der  ordentlichen  Bundesgesetzgebung
  nach  Möglichkeit  befriedigen  wolle.  Ausdrücklich  schrieb  er  am
6.  März  nach  Berlin,  daß  ein  volkstümliches  und  freisinniges  Vorgehen,
ein  offenes  Bekenntnis  zum  konstitutionellen  System  nach  seiner  Ansicht  die
einzige  Möglichkeit  biete,  dem  Umsichgreifen  republikanischer  Ideen  Halt  zu
gebieten.“  Immer  wieder  warnt  er  davor,  Rücksicht  auf  Österreich  zu  nehmen;
jedes  Jusammengehen  mit  Wien  werde  Preußen  in  der  öffentlichen  Meinung

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Rachfahl  beurteilt  Hist.  Vtjscht.  6,  S.  372f.  die  Polielk  Dönhofss  richtig,  behauptet
aber  ohne  Grund,  daß  die  „leitenden  Kreise  Preußens“  mit  ihm  einig  gewesen  seien.

1  Koser  78,  Rachfahl  Hist.  Visschr.  6,  380.

"oser  z39f.,  vgl.  Rachfahl  a.  a.  O.  381.

Koser  60.