Metadata : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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mit  deutschen  Eigentümlichkeiten  und  berief  sich  auf
eine  Auffassung  von  Gerechtigleit,  die  leider  vergißt,
daß  im  Völlerleben  die  Pflicht  der  Selbstbehauptung
jeder  anderen  Rücksicht  voransteht.

Eine  mächtige  Stütze  besaßen  die  Polen  in  Preußen
lange  Zeit  hindurch  in  der  Katholischen  Abteilung  des

Kultusministeriums.  Die  Beobachtung,  daß  sich  an  si

dieser  Stelle  deutschfeindliche  Einflüsse  geltend  machten,
  war  es  vor  allem,  die  den  Fürsten  Bismarck  zur
Aufhebung  dieser  Abteilung  veranlaßte.  Der  Kulturkampf,
  der  davon  seinen  Ausgang  nahm,  wurde  nach
Bismarcks  eigenen  Worten  überwiegend  bestimmt
durch  seine  polnische  Seites.  Er  war  notwendig  zur
Abwehr  des  Polentums,  aber  er  hatte  leider  eine  Kehrseite.
  Er  begründete  die  Führerschaft  der  niederen
Geistlichkeit  im  Kampf  gegen  Deutschtum  und  Staatsewalt

  und  gab  den  Polen  eine  volkstümlich  ver-Ründlich-
  Begründung  für  die  verschärfte  Ablehnung
der  Gemeinschaft  mit  den  deutschen  Mitbürgern.  Die
Empfindung  des  Gegensatzes  drang  nun  auch  zu  den
Bauern  und  Arbeitern  durch  und  versetzte  die  ganze
polnische  Volksmasse  in  Kampfstimmung.

Unterdessen  hatten  sich  auch  die  Besiehungen
zwischen  Deutschland  und  Rußland,  die  Fürst

ismarck  sorgfältig  pflegte,  zwar  nicht  gelöst,  aber

elockert  und  in  ihrem  Wesen  geändert.  Deutschland
bedurfte  verstärkter  Sicherheiten  für  seine  Ostgrenze
und  konnte  die  polnische  Propaganda,  die  schon  auf
Schlesien,  Ostpreußen  und  Pommern  hinübergriff,
nicht  länger  unbeachtet  lassen.  Fürst  Bismarck  suchte
die  Stärke  des  polnischen  Nationalismus  im  Adel
und  Großgrundbesitz.  Deshalb  entschloß  er  sich  zur
Wiederaufnahme  der  Flottwellschen  Idee
und  setzte  1886  im  preußischen  Landtag  das  An.
siedlungsgesetz  durch.  Die  Tätigkeit  der  zu  diesem
Zweck  eingesetzten  Ansiedlungskommission  begegnete
freilich  unter  den  neuzeitlichen  Verhältnissen  zahlreichen
  unerwarteten  Schwierigkeiten,  aber  es  wurde  bald
der  richtige  Weg  gefunden.  Das  Hauptgewicht  wurde
nicht  mehr  auf  die  Entfernung  der  wenigen  und  meist
unschädlichen  polnischen  Gro  grundbestger,  sondern
auf  die  systematisch  durchgeführte  Ansetzung  zahlreicher
  deutscher  Ansiedler  gelegt.  So  konnte
im  Lauf  der  Jahre  der  angesessenen  deutschen  Bevölkerung
  ein  wertvoller  Zuwachs  zugeführt  werden,
der  in  vielen  Gegenden  der  polnischen  Propaganda
entgegengewirkt  hat.

Natürlich  hatte  diese  Politik  auch  ihre  Schwächen.
Obwohl  sie  vom  Staat  ausging,  lagen  doch  ihre  Mittel
  auf  dem  Gebiet  des  Peivatrechts;  es  waren  Kaufgeschäfte.
  Die  Polen  hatten  also  viele  Möglichkeiten,
auf  demselben  Wege  dem  Gesetz  entgegenzuarbeiten.
Davon  machten  sie  denn  auch  Gebrauch,  zumal  da
sie  mit  Hilfe  ihrer  vortrefflichen  Organisation  bald
Über  reichliche  Mittel  verfügten.  Denn  sie  bewogen
die  zahlreichen  polnischen  Arbeiter,  die  in  die  deutschen
  Industriegebiete  oder  als  sogenannte  =  Sachsengänger=
  in  die  landwirtschaftlichen  Betriebe  zogen,
ihre  Ersparnisse,  die  bei  den  guten  Löhnen  und  ihrer
persönlichen  Bedürfnislosigkeit  verhältnismäßig  hoch
waren,  zu  nationalen  Zwecken  bei  polnischen  Geldinstituten
  niederzulegen.  Diese  Gegenarbeit  wäre  an
sich  nicht  zu  fürchten  gewesen,  wenn  auf  deutscher
Seite  Einigkeit  und  Geduld  genug  vorhanden  gewesen
  wäre,  um  die  Gesamtwirkung  des  Ringens
ruhig  abzuwägen.  Aber  leider  fehlte  es  an  diesen
Eigenschaften,  die  der  polnischen  Kampfleidenschaft
das  Gleichgewicht  hätten  halten  können,  während  die

I.  Politik  und  Geschichte

Kolen.  die  sich  für  die  Angegriffenen  hielten,  den
ampf  ins  Maßlose  steigerten.

So  mußte  der  Staat  um  seiner  Autorität  und
Sicherheit  willen  seine  Politik  durch  weitere  Maßnahmen
  stützen.  Die  Polen  erwarben  häufig  Grundbesitz
  nur  zu  dem  Zweck,  die  planmäßige  deutsche  Aniedlung
  zu  hindern.  Um  das  zu  verhüten,  wurde
zuerst  der  Erwerb  von  Grundstücken  in  den  Ansiedungsprovinzen
  an  eine  Genehmigung  geknüpft;  weiter
  ermöglichte  das  1908  erlassene  Enteignungsesetz

  den  Rückkauf  von  Grundbesitz  im  Wege  des
zien  Auch  auf  anderen  Gebieten  nötigten  die

ngriffe  der  polnischen  Propaganda  zur  Abwehr.  So
wurden  die  freilich  nicht  immer  glücklichen  Maßregeln
in  der  Sprachenpolitik  gleichfalls  durch  Ansprüche
der  Polen,  die  die  Rechte  ihrer  Sprache  als  Propagandamittel
  benutzen  wollten,  herausgefordert.

An  den  Schwächen  auf  deutscher  Seite  war  der
preußische  Staat  nicht  ohne  Mitschuld.  Seine  Volitik
war  häufig  schwankend  und  ungleich,  ermangelte  des
rechtzeitigen  Handelns,  der  Zielsicherheit  und  Voraussscht
  und  wurde  erst  durch  Bismarck,  später  —
nach  einer  verfehlten  Versöhnungsära  unter  dem
Grafen  Caprivi  —  durch  den  Einfluß  des  Ministers
v.  Miquel  und  endlich  durch  den  Fürsten  Bülow  in
feste  Bahnen  geleitet,  ohne  den  Vorsprung,  der  dem
Polentum  durch  die  begangenen  Fehler  gelassen  worden
  war,  sogleich  wieder  einholen  zu  können.  Man
hatte  früher  absichtlich  die  Anschauung  genährt,  daß
Polen  endgültig  abgetan  sei  und  das  Nationalbewußtsein
  der  Polen  nur  aus  Erinnerungswerten  bestehe.
Das  war  staatsrechtlich  richtig,  hatte  aber  den  Nachteil,
  daß  die  Lage  der  Polen  nicht  genug  nach  der
Wirklichkeit,  nämlich  nach  ihrer  internationalen
Seite  hin,  gewürdigt  wurde.  Die  Frage  wurde  nur
als  innerpolitische  aufgefaßt,  als  gGeichbedrutend
mit  der  Frage,  wie  der  Staat  sein  Verhältnis  zu
einer  fremdsprachigen  Minderheit  zu  regeln  habe.
Die  Antwort  mußte  je  nach  der  Parteianschauung
verschieden  lauten.  Wenn  der  Staat  sich  gegen  polnische
  Angriffe  wehrte,  so  sah  der  Liberale  darin  nur
einen  Versuch,  die  Gleichberechtigung  der  Staatsbürger
  anzutasten;  der  Zentrumsmann  witterte  eine
Gefahr  für  das  katholische  Bekenntnis,  und  der  Konservative
  empfand  Bedenken  wegen  Erschütterung
der  Besitzverhältnisse  und  Verletzung  landwirtschaftlicher
  Interessen.  Aber  viele  erkannten  doch  die  Polenfrage
  richtig  als  das  Ringen  einer  fremden,  neben
uns  seenen  Nation  um  den  Wiederaufbau  ihres
politischen  Lebens.  Diese  Erkenntnis  befestigt  und
verbreitet  zu  haben,  ist  das  Verdienst  des  1894  unter
Führung  der  Herren  v.  Tiedemann,  Kennemann  und
v.  Hansemann  gegründeten  Deutschen  Ostmarken
  vereinse,  der  ebenso  gegen  das  Polentum  wie

egen  deutschen  Parteigeist  einen  schweren  Kampf  zu
führen  patte
Der  Kampf  in  der  preußischen  Ostmark  wirkte  auch
auf  Galizien  und  Rußland  zurück.  In  Russisch-Polen
  (dem  -Königreiche)  hielt  sich  die  polnische
Intelligenz  stets  in  engster  Fühlung  mit  der  französischen
  Kultur,  wodurch  —  besonders  seit  1870  —
die  Abneigung  gegen  Deutschland  genährt  wurde.
Aber  auch  dem  Russentum  wurde  Feindschaft  entgegengebracht,
  und  die  Bestrebungen  des  Panflawismus
  fanden  keinen  Boden.  Unklar  und  zwiespältig
  mußte  jedoch  die  Stellung  des  Polentums  werden,
als  Frankreich  der  Freund  und  Bundesgenosse  Rußlands
  wurde.  Ein  weiterer  Zwiespalt  entstand  aus