Full text : Das Preußische Volk in Waffen und die neue Militär-Organisation.

—  29  —

constitutionelle  Verfassung  gehabt.  Jede  solche  Verfassung  ist  ein  Blatt
Papier,  und  Papier  ist  bekanntlich  geduldig.  Entspricht  sie  nicht  der  historischen
  Entwickelung  des  Volkes,  hat  sie  nicht  im  Geist  und  Willen  des
Volkes  seine  Wurzel,  so  ist  damit  nur  der  Grund  gelegt  zur  innern  Unzufrievenheit
  und  Uneinigkeit,  so  wie  zur  Schwäche  nach  Außen.  Eine
aristokratisch  -constitutionelle  Monarchie  wird  nun  und  nimmermehr  für
Preußen  die  rechte  Regierungsform  sein  oder  werden,  und  das  preußische
Volk  besitzt  Intelligenz  genug,  sich  selbst  für  die  sogenannte  vielgepriesene
Freiheit  des  stolzen  Englands  zu  bedanken,  weil  diese  nur  die  Gelegenheit
bietet,  daß  eine  hochmüthige  Aristokratie,  möge  sie  aus  Whigs  oder  Tories
  bestehen,  zur  Verfolgung  ihrer  Zwecke  das  Volk  bei  der  Nase
herumführt.  —

Die  Militär-Vorlagen  für  Reform  unseres  Heerwesens  kamen  unter
der  Regierung  eines  Königs  zum  Vorschein,  der  geliebt  und  geehrt  im
Lande  ist,  wie  es  je  einer  wurde  und  wird,  und  der  gewiß  mit  nicht  beneidenswerther,
  sorgenvoller  Hand  in  dieser  rastlos  hin=  und  herfahrenden
Zeit  die  Geschicke  des  Vaterlandes  so  lenkt  und  leitet,  daß  ihm  von  allen
Seiten  volles  Vertrauen  geschenkt  und  dargebracht  wird.  Er  wendet  mit
Vorliebe  seine  Aufmerksamkeit  der  Wehrkraft  des  Landes  zu,  weil  er  weiß,
daß  auf  ihr  die  jetzige  wie  zukünftige  Existenz  Preußens  beruht,  und  wer
darin  nicht  eben  so  denkt,  meint  es  wahrhaftig  nicht  ehrlich  mit  dem  Vaterlande.
  Wie  kommt  es  nun,  daß  trotzdem  diese  „Lebensfrage  für
uns  Alle“  leider  eine  „Partei-Frage“  geworden  ist?

Die  Schuld  davon  trägt  allein  die  Kreuzzeitungspartei  und  zwar
durch  die  Art  und  Weise,  mit  welcher  die  mit  Königlichem  Willen  ins
Leben  zu  rufenden  Reformen,  in  ihren  Kreisen  von  jeher  aufgefaßt  und
motivirt  wurden.  Sie  hat  der  guten  Sache  damit  wenig  gedient,  daß  sie
sich  ihrer  so  eifrig  und  hervorstechend  annahm.  Durch  ihre  Hast  und
frivole  Offenheit  bei  Darlegung  ihrer  Zwecke  hat  sie  mit  richtiger  Erkenntniß
  der  Gefahr  alle  Parteien  im  Lande  gegen  sich  geeinigt,  welche  ihr
jetzt  als  die  sogenannte  liberale  entgegentreten.  So  hat  sie,  wie  schon  oft,
indem  sie  das  Böse  wollte,  das  Gute  geschaffen;  in  Bezug  auf  die  Militär-Fragk
  hat  das  Umgekehrte  stattgefunden.  —  Bei  dem  von  ihr  aufgestellten
  Grundsatz  „Gegen  Demokraten  helfen  nur  Soldaten“  war  mit
Recht  zu  vermuthen,  daß  sie  dies  einzig  für  probat  erkannte  Mittel  in
immer  stärkeren  Dosen  anwenden  möchte,  und  da  man  nun  nachgerade
weiß,  daß  bei  ihr  stets  und  noch  jetzt  die  Demokratie  da  anfängt,  wo  ihre
Partei  mit  der  angeworbenen  Dienerschaft  aufhört,  so  setzte  sich  in  dem
bleibenden  allergrößten  Theile  des  Landes  eine  Besorgniß  und  ein  Wider-