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das des reformerischen Mittelstandes. Vielfach kommen aber lediglich per—
sönliche Beweggründe in Betracht. Die Mitglieder der einzelnen Vereine
stimmen meist ohne Rücksicht auf ein Programm mit ihrem Verein. In den
letzten Jahren ist die Losung gegen die Sozialdemokratie das wirksamste
Kampfesmittel der Koalition gewesen.
Die Sozialdemokratie ist im Jahre 1900 zum ersten Male aufgetreten
und hat seitdem durch die bereits angeführten Gründe außerordentliche
Fortschritte erzielt. Sie steht im schärfsten Gegensatze zur Reformpartei und
ist bisher stets völlig selbständig vorgegangen. Verhandlungen zwischen ihr
und dem Mietbewohnerverein wegen eines gemeinsamen Vorgehens haben
sich im Jahre 1904 zerschlagen.
Zwischen der Koalition und der Sozialdemokratie sind in den letzten
Jahren als selbständige Gruppen die Nationalliberalen und der Miet-
bewohnerverein aufgetreten. Beide bekämpfen die Herrschaft der Reformer,
erstere in Anlehnung an die höheren Beamten, die Industrie und die Kauf-
mannswelt, letztere mit boden= und wohnungsreformerischen Bestrebungen.
Kandidaten stehen aus den Kreisen des Mittelstandes und der Sozial-
demokratie reichlich zur Verfügung. Dagegen hat sich unter der reformerischen
Herrschaft beim höheren Bürgertume eine derartige Abneigung gegen die
Teilnahme an der städtischen Politik festgesetzt, daß aus seinen Angehörigen
kaum noch jemand für ein Stadtverordnetenmandat zu gewinnen ist.
Die Wahlergebnisse waren in annähernden Ziffern:
Herbst reformerische Koalition Nationalliberale Mietbewohner Sozialdemokraten
1900 9000 860
1901 8000 1 520
1902 6 400 — 2800 2550
1903 9 300 2000 1500 5 900
1904 11 400 2600 — 10 100
Der Wahlkampf selbst ist, da sehr viel persönlicher Ehrgeiz und der
Wunsch nach persönlichem Einfluß ins Spiel kommt, unerfreulich. Die
Notwendigkeit, ihn jedes Jahr durchzufechten, bildet ein Moment fort—
währender Unruhe und bringt die Stadtverordneten in Versuchung, beim
Reden und Stimmen von sachlichen Gesichtspunkten abzuweichen. Die
Agitation findet weniger in der breiten Offentlichkeit statt als von Verein
zu Verein, durch Zusendung von Aufrufen an die einzelnen Wähler und
durch Anzeigen im Inseratenteile der Blätter. Die Presse selbst, die an und
für sich in Dresden nicht besonders hervorragt, nimmt an der Kommunal=
politik nur sehr geringen Anteil, teils weil sie wie das „Dresdener Journal“