Full text: Verfassung und Verwaltungsorganisation der Städte Königreich Sachsen (Vierter Band Erstes Heft)

118 Heinze. 
das des reformerischen Mittelstandes. Vielfach kommen aber lediglich per— 
sönliche Beweggründe in Betracht. Die Mitglieder der einzelnen Vereine 
stimmen meist ohne Rücksicht auf ein Programm mit ihrem Verein. In den 
letzten Jahren ist die Losung gegen die Sozialdemokratie das wirksamste 
Kampfesmittel der Koalition gewesen. 
Die Sozialdemokratie ist im Jahre 1900 zum ersten Male aufgetreten 
und hat seitdem durch die bereits angeführten Gründe außerordentliche 
Fortschritte erzielt. Sie steht im schärfsten Gegensatze zur Reformpartei und 
ist bisher stets völlig selbständig vorgegangen. Verhandlungen zwischen ihr 
und dem Mietbewohnerverein wegen eines gemeinsamen Vorgehens haben 
sich im Jahre 1904 zerschlagen. 
Zwischen der Koalition und der Sozialdemokratie sind in den letzten 
Jahren als selbständige Gruppen die Nationalliberalen und der Miet- 
bewohnerverein aufgetreten. Beide bekämpfen die Herrschaft der Reformer, 
erstere in Anlehnung an die höheren Beamten, die Industrie und die Kauf- 
mannswelt, letztere mit boden= und wohnungsreformerischen Bestrebungen. 
Kandidaten stehen aus den Kreisen des Mittelstandes und der Sozial- 
demokratie reichlich zur Verfügung. Dagegen hat sich unter der reformerischen 
Herrschaft beim höheren Bürgertume eine derartige Abneigung gegen die 
Teilnahme an der städtischen Politik festgesetzt, daß aus seinen Angehörigen 
kaum noch jemand für ein Stadtverordnetenmandat zu gewinnen ist. 
Die Wahlergebnisse waren in annähernden Ziffern: 
Herbst reformerische Koalition Nationalliberale Mietbewohner Sozialdemokraten 
  
  
1900 9000 860 
1901 8000 1 520 
1902 6 400 — 2800 2550 
1903 9 300 2000 1500 5 900 
1904 11 400 2600 — 10 100 
Der Wahlkampf selbst ist, da sehr viel persönlicher Ehrgeiz und der 
Wunsch nach persönlichem Einfluß ins Spiel kommt, unerfreulich. Die 
Notwendigkeit, ihn jedes Jahr durchzufechten, bildet ein Moment fort— 
währender Unruhe und bringt die Stadtverordneten in Versuchung, beim 
Reden und Stimmen von sachlichen Gesichtspunkten abzuweichen. Die 
Agitation findet weniger in der breiten Offentlichkeit statt als von Verein 
zu Verein, durch Zusendung von Aufrufen an die einzelnen Wähler und 
durch Anzeigen im Inseratenteile der Blätter. Die Presse selbst, die an und 
für sich in Dresden nicht besonders hervorragt, nimmt an der Kommunal= 
politik nur sehr geringen Anteil, teils weil sie wie das „Dresdener Journal“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.