150 Vierundzwanzigstes Kapitel: Culturkampf.
schen Nationalität auf Kosten der deutschen in Posen und Westpreußen
außer Zweifel, und in Oberschlesien wurde das bis
dahin stramm preußische Element der „Wasserpolacken“ polonisirt;
Schaffranek wurde dort in den Landtag gewählt, der uns
das Sprichwort von der Unmöglichkeit der Verbrüderung der
Deutschen und der Polen in polnischer Sprache als Parlamentsredner
entgegenhielt. Dergleichen war in Schlesien nur möglich
auf Grund der amtlichen Autorität der katholischen Abtheilung.
Auf Klage bei dem Fürstbischof) wurde dem Schaffranek
untersagt, bei Wiederwahl auf der Linken zu „sitzen“;
in Folge dessen stand dieser kräftig gebaute Priester 5 und
6 Stunden und bei Doppelsitzungen 10 Stunden am Tage
vor den Bänken der Linken stramm wie eine Schildwache
und brauchte nicht erst aufzustehn, wenn er zu antideutscher
Rede das Wort ergriff?). In Posen und Westpreußen waren
nach Ausweis amtlicher Berichte Tausende von Deutschen und
ganze Ortschaften, die in der vorigen Generation amtlich deutsch
waren, durch die Einwirkung der katholischen Abtheilung polnisch
erzogen und amtlich „Polen“ genannt worden. Nach der
Competenz, welche der Abtheilung verliehn worden war, ließ
sich ohne Aufhebung derselben hierin nicht abhelfen. Diese Aufhebung
war also nach meiner Ueberzeugung als nächstes Ziel
zu erstreben. Dagegen war natürlich der Radziwill'sche Einfluß
am Hof, nicht natürlich mein Cultus-College 2), dessen
Frau und Ihre Majestät die Königin. Der Chef der katholischen
Abtheilung war damals Krätzig, der früher Radziwillscher
Privatbeamter gewesen und dies im Staatsdienst auch
wohl geblieben war ). Der Träger des Radziwill'schen Ein-1)
Heinrich Foörster.
*!) Vgl. die Aeußerung in der Rede vom 28. Januar 1886, Politische
Reden XI 438.
2) v. Mühler.
!) Die Familie Radziwill bestreitet, daß Krätzig Privatbeamter der
Radziwills gewesen sei.