folgte durch den Tarif vom 27. Juni 1878, der im ganzen nur
eine mäßige Erhöhung der für Österreich wichtigen Industriezölle
brachte. Außerdem wurde jedoch die Bestimmung getroffen, daß
alle Zölle in Gold zu zahlen seien, was eine allgemeine Zollerhöhung
von 15—25% bedeutete.
Die Verhandlungen mit Österreich hatten die deutschen
Schutzzollinteressenten erneut auf den Plan gerufen. Die Eisenund
Stahlindustriellen drängten nunmehr auf schleunige Wiederherstellung
der Zölle für Eisen, Eisenwaren und Maschinen. Der
Vorstand des 1876 gegründeten Zentralverbandes deutscher Industrieller
beantragte im Juli 1877 in einer Immediatvorstellung
die Veranstaltung einer Enquete über die Lage und Bedürfnisse
der deutschen Industrie. Große und kleine Interessentengruppen
formulierten ihre Zollwünsche. An Übertreibungen fehlte es hierbei
nicht. Für die ungünstige wirtschaftspolitische Lage wurde die
Änderung im Zollwesen verantwortlich gemacht und gleichzeitig
behauptet, daß der Wert der Einfuhr fremder Industrieerzeugnisse
sich auf eine Milliarde jährlich bezifferee.e Davon aber waren
wenigstens zwei Drittel dieses Wertes Halbfabrikate, die die Industrie
selbst verarbeitete. Zudem konnten die zollpolitischen
Maßregeln der letzten zwölf Jahre schon deshalb nicht schlechthin
für den wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich gemacht werden,
weil, abgesehen von Eisen und einigen Chemikalien, durchgreifende
Zollermäßigungen oder Befreiungen auf dem Gebiete der Fabrikatzölle
seit ı865 überhaupt nicht stattgefunden hatten. Die wichtigsten
Industriezweige genossen immer noch namhafte Schutzzölle,
sie waren teilweise, wie z. B. die Textilindustrie, seit 1865 von
Zolländerungen überhaupt unberührt geblieben. Die ganze auf
Sicherung des inländischen Marktes gerichtete Bewegung ist nur
verständlich, wenn das Darniederliegen des Erwerbslebens und das
in den meisten Industrieländern bemerkbare Bestreben nach höherem
Zollschutz berücksichtigt wird.
Um diese Zeit vollzog sich auch in den Kreisen der Landwirtschaft
und der sie vertretenden politischen Partei schon hie
und da eine Wandlung des wirtschaftspolitischen Bekenntnisses,
und bald genug sollte die Regierung selbst zur Kursänderung
das Steuer ergreifen. Politische und wirtschaftliche Gründe, besser
finanzielle waren es, die die Veranlassung gaben. Bismarck hat
später einmal gesagt in bezug auf den Vorwurf, daß er seine
Überzeugung in Fragen der Zollpolitik mit leichtfertiger Schnelligkeit
gewechselt habe: