Kommerzienrat Siegismund. 439
in der Weise im Vordergrunde stehend, wie das ein großer Teil meiner
verehrten Herren Vorredner hier geschildert hat.
Meine verehrten Damen und Herren! Leider haben die Herren
Vorredner vollständig bei ihren Ausführungen unberücksichtigt gelassen,
wie man, wenn wirklich Mißstände vorhanden sind, diese bekämpfen
sollte. Ich gebe zu, daß der Handelsstand durch das Hineindringen
ungeeignet vorgebildeter Elemente teilweise gelitten hat.
Es ist sicher, daß durch den Umstand, daß häufig Lehrlinge im
Handelswesen nicht gefunden werden konnten, der Kaufmann weniger
auswählend gewesen ist bei der Annahme von Lehrlingen. Es ist
keine Frage, daß der Kaufmann oft Lehrlinge angenommen hat,
die nicht die genügende Vorbildung gehabt haben, um den Anforderungen
des Handelsstandes später zu genügen. Aber es sind sicherlich
in den letzten Jahren die dadurch eingetretenen Mißstände insofern
vermindert worden, als die Vertretungen des Handels durch die
Unterstützung der Fortbildungsschulen und ganz besonders durch die
Einrichtung von kaufmännischen Fachschulen diesen Mißstand zu beseitigen
bestrebt gewesen sind.
In welcher Weise das kaufmännische Fortbildungsschulwesen sich
verändert hat, geht aus folgenden Zahlen hervor. Als mit noch
wenigen anderen Herren ich im Jahre 1886 in Berlin die kaufmännische
Fortbildungsschule benründele hatten wir in unseren ersten
Kursen einen Schülerstand von 80 bis 90. Jetzt besuchen die kaufmännischen
Fortbildungsschulen in Berlin etwa 5000. Aus diesen
kaufmännischen Fortbildungsschulen heraus sind nachher die —
hochschulen entstanden. Wir sehen, in welcher umfassenden Weise
der Kaufmann und der Kaufmannsstand, speziell die Handelskammern
und die Handelsvertretungen, für die Weiterbildung des jungen Nachwuchses
sorgen.
Nun hat heute früh der Herr Referent in seinen Ausführungen
wohl gesagt, daß in erster Linie egoistische Momente daran schuld
wären, wenn der Kaufmann Lehrlinge zur Ausbildung nähme. In
diesem Umfange vermag ich diese Feststellung des Referenten nicht
gutzuheißen. Meine Damen und Herren, auch im Handelsstande
gibt es noch ideale Bestrebungen, auch im Handelsstande sind
Loch vielfach Menschen vorhanden, die nur aus Liebe zu ihrem Berufe
den jungen Mann ausbilden, und wenn manchmal der Prinzipal nicht
in der Lage ist, die aus 8 76 des Handelsgesetzbuches sich ergebenden
Anforderungen zu erfüllen, so ist vielfach die Schuld daran, daß er
nicht in genügender Weise unterrichtet ist, wie wohl ein Lehrling
auszubilden ist.
Meine Herren, ich habe vor ungefähr 12 Jahren für meinen
Beruf gewisse Leitsätze über die Ausbildung der Lehrlinge festgestellt.
Ich habe dabei konstatiert, daß in den meisten Fällen der gute Wille
bei dem Prinzipale wohl vorhanden gewesen ist, daß aber tatsächlich
man über verschiedene Dinge einfach hinwegging, weil man es als
selbstverständlich erachtete, daß der Lehrling, oder der junge Mann,
iese von vornherein wissen müßte. Wir, die wir im praktischen
Berufe stehen, wissen, wie aus taufenderlei Rieinigreiten schließlich