Mai 9.
446 1611 184.
184. Eigenhändige Aufzeichnung des Kurfürsten von
Mainz [für den Landgrafen Ludwig von Hessen?].
„Amicus amico. Den ahnwesenden koniglichen gesandten ist
mein einfaltig bedencken (wie nichtt allein I. kgl. W. sonder
den bömischen stenden in hoc perturbato statu zu helffen vnd fridt
zu erlangen) eröffnett worden,! haben es auch fideliter zu vber-
schreiben versprochen; will mit Gott bezeugen, do ich I. kgl. W.
würklich diener, das ich deroselben nitt andersts rathen köntte.
besonders hier, „da es scheinet als wan aller respect Gottes, der obrichkeit,
ja der naturlichen billich- und »mpfindlichkeiten genzlich verbannet und
verwisen sei.* Die Krönung ist mit Einwilligung des Königs auf Pfingst-
montag verschoben worden; von dem Ausschlag in den übrigen Punkten
kann ich nichts gewisses schreiben, alles steht bei den Böhmen; da sie aber
ganz verstockt und unempfindlich sind, ist keine Hoffnung auf Milderung.
Die Sachsen und ich stecken wirklich in einer schweren Sache; aber alles
wäre noch zu ertragen, wenn hier nur Vernunft gelten wollte. Die geheimen
Räte erzeigen sich sehr zweifelhaft; es werden in den geheimen Rat nur
Leuchtenberg und Mollart, zuweilen auch Barvitius gezogen, während man
doch der Räte jetzt nicht zu viele haben kann. Der Landgraf ist noch immer
unzufrieden, geht aber doch in den Rat, der Vizekanzler wird gar nicht
berufen; es ist für ihn nicht übel, bei solcher Verwirrung nicht dabei zu
sein. — Die Stadt liegt voll Kriegsvolk, das nicht bezahlt wird; daher hat
schon Meuterei und gemeiner Aufstand gedroht, wiederholt wurden die
Fleisch- und Brotläden gestürmt; dazu strömt noch täglich wegen der
Krönung mächtig viel Volk herbei: weiss Gott, wie es bei der Krönung
ablaufen wird. — Die Sachsen waren vorhabens, falls der Kaiser nicht gut
willig der Krönung zustimmt, nach Dresden abzureisen; ich hätte mich
ihnen akkomodiert. Da der Kaiser zugestimmt hat und nun die übrigen
Punkte verhandelt werden sollen, so besorgen wir, dass wir vor der Krönung
nicht werden abkommen können, sehen aber nicht, was unsere (Gegenwart
noch fruchten mag; denn was von jenen Punkten nicht vor der Krönung
abgehandelt wird, darauf ist hernach trotz unserer Anwesenheit wenig
Hoffnung und werden die Kurfürsten und das Reich den Sachen selbst
nachdenken und nach Notdurft verfahren müssen. — Hier geht man mit selt-
samen Praktiken offen um; wir müssen viel hören, was sich nicht schreiben
lässt. Dies Unwesen geht die ganze Christenheit an. Sachsen lässt sich
alles wol angelegen sein; wir sind aber leider nicht einmal so weit g®
kommen, dass wir uns des Abzugs des Kaisers versichern können. Fast
scheint cs, als sei aller Respekt verbannt. Bleibt es so, so gehe ich
nach der Krönung mit den Sachsen, falls der Kurfürst es begehrt
und es sicherer ist, nach Dresden zurück und von dort gleich an
Dero Hoflager. — Das passauer Volk liegt in guter Ruhe; niemand
begehrt hinaus, um es zu vertreiben; es soll sich sehr verstärkt haben.
Wenn die Stände ihr Volk nicht besser bezahlen, so werden auch die
zweiten Passauer bald da sein. Mit den Wachen und sonstigem Ge
bahren steht es bei vorigem; Versprechungen der Abstellung sind bisher
nicht erfüllt worden. Wie dem frommen Kaiser dabei zu Mute sein mag,
weiss Gott; „ist ein starkes vorbilt. humanae miseriae, daran sich andere,
so hierzue helfen oder je nicht hinderen, wol apiegelen mogten, aber da ist
kein empfindlichkeit“. Praes. Maintz 21. mai 1611 (Wmz., Reichstagsakten,
Bd. 103c, no. 25; Or. eigh.).
ı Vgl. no. 144.