Metadaten : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

4  Einleitung.

Gedankengang  seiner  Rede  überlegt  und  sich  eingeprägt  haben,
und  auch  in  dieser  Beziehung  kann  man  sagen  daß  ihm  seine
Rede,  also  der  Inhalt  des  Vorzutragenden,  etwas  Objektives
geworden,  daß  er  also  etwas  Gegebenes  sei.

Die  andere  Gattung  des  Vortrags  besteht  darin  nicht  seine
eignen,  sondern  die  Gedanken  Anderer  durch  das  lebendige  Wort
einem  Kreise  von  Hörern  zu  vermitteln.  Diese  Art  des  Vortrags
übt  als  Beruf  vornehmlich  der  Schauspieler.  Gleichfalls  geübt
wird  diese  Art  des  Vortrags  durch  Vorlesen.  In  den  Fall  dies
thun  zu  sollen  kommt  fast  jeder  im  Leben,  ohne  daß  hier  ein
Beruf  vorliegt.

Der  Unterschied  des  Vortrags  des  Schauspielers  von  dem
des  Vorlesers  ist  ein  sehr  wesentlicher.  Der  Schauspieler  unterstützt
  seine  Worte  mit  allen  entsprechenden  Stellungen,  Bewegungen
und  Gebärden  des  Körpers,  er  giebt  seine  Persönlichkeit  auf,
um  eine  andere  anzunehmen,  er  trägt  nicht  bloß  vor,  er  ste  lI
dar.  Dem  Vorleser  dagegen  ist  die  Unterstützung  durch  Gebärden,
  überhaupt  die  Anwendung  der  körperlichen  Beredsamkeit
nicht  gestattet.

Diese  an  sich  eigentlich  scharf  geschiedenen  Gattungen  des
Vortrags  berühren  sich  doch  zuweilen.  Der  Schauspieler  kann
oft  in  die  Lage  kommen  Redner  zu  sein,  der  Redner  vermag
oft  die  Lebhaftigkeit  seines  Vortrags  durch  die  Mittel  des  Schauspielers,
  namentlich  durch  Gebärdensprache,  zu  steigern.  Doch
muß  das  von  allen  Seiten  mit  der  größten  Uünsicht  und  Mäßigung
geschehen,  soll  es  nicht  in  einen  Fehler  ausarten,  welchen  dic
Zuhörer  bald  herausfühlen.  Man  sagt  daher  bei  dem  Mißbrauch
  mit  Recht  von  einem  Schauspieler  tadelnd:  er  habe  einen
oratorischen  Vortrag,  von  einem  Redner  dagegen:  sein
Auftreten  sei  zu  theatralisch.

Aus  dem  Gesagten  geht  hervor  daß  der  vollendete  Ausdruck
des  Wortes  noch  durch  die  sogenannte  körperliche  Beredsamkeit
unterstützt  wird.  Diese  zu  lehren  ist  besondere  Aufgabe  der
Schauspielkunst  und  kann  deshalb  hier  nicht  in  Frage  kommen.
Der  Zweck  dieses  Buches  beschränkt  sich  darauf  den  Vortrag  zu
erläutern,  soweit  er  durch  die  Sprache  erreicht,  vermittelt  wird.
Was  die  körperliche  Beredsamkeit  betrifft,  so  kann  höchstens
darauf  hingedeutet  werden  daß  man  die  eben  genannten  Fehler
vermeide  und  namentlich  als  Redner  nicht  theatralisch  sei.  Ruhe
im  Außern,  Würde  und  Anstand  sind  namentlich  die  Eigenschaften,
  die  den  Redner  zieren,  —  im  allgemeinen  hüte  man
sich  vor  dem  „zu  viel  thun“.  Man  verfällt  dann  zu  leicht