Full text: Der Weltkrieg 1914. Band 1. (1)

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Dieser Versuch einer Rechtfertigung des japanischen Vorgehens gegen 
uns stellt die Wahrheit geradezu auf den Kopf. Von japanischer Seite ist 
ein Verlangen, wie das von dem japanischen Botschaftsrat behauptete, vor 
Ueberreichung des Ultimatums an Deutschland nicht gestellt worden. Um- 
gekehrt ist aber dem japanischen Geschäftsträger in Berlin gerade von 
deutscher Seite — und zwar vor Ueberreichung des japanischen Ultimatums 
— in Aussicht gestellt worden, daß das deutsche Geschwader in Ostasien Be- 
fehl erhalten werde, sich feindseliger Handlungen in den ostasiatischen 
Gewässern zu enthalten, falls Japan in dem deutsch-englischen Konflikt 
neutral bleibe. Hierauf ist von japanischer Seite eine Antwort überhaupt 
nicht erteilt worden. 
Hierdurch wird zugleich die nach englischen Meldungen von dem 
japanischen Minister des Aeußeren, Kato, in der außerordentlichen Sitzung 
des japanischen Parlaments vom 5. d. Mts. ausesten Behauptung wider- 
legt, wonach es die Absicht Deutschlands gewesen sei, Kiautschou zur Basis 
seiner Kriegsoperationen im fernen Osten zu machen. 
Oesterreich gegen die russisch-serbischen Lügenmeldungen. 
Wien, 9. September. (Meldung des „Wiener k. k. Telegr.-Korresp.= 
Bureaus“.) Das serbische Preßbureau kann sich nicht genug tun in langen 
Berichten über angeblich siegreiche Kämpfe bei Schabatz, über einen glän- 
zenden Sieg der kleinen serbischen Armee über die österreichisch-ungarischen 
Streitkräfte, deren Zahl in jedem Bericht um mehr als das Doppelte 
oder Dreifache wächst, über die Verluste der österreichisch-ungarischen 
Armee, die sich in gleichem Verhältnis von Bericht zu Bericht erhöhen, 
sowie über Ruhmestaten und die strategische Ueberlegenheit der serbischen 
Streitkräfte. 
Daran knüpft der phantasiereiche Verfasser dieser Kriegsberichte Be- 
trachtungen, die darin gipfeln, daß außer schrecklichen Akten von Grau- 
samkeiten nichts an die österreichisch-ungarische Offensive in Serbien er- 
innere, daß Oesterreich-Ungarn alle Hoffnung auf eine neue Offensive auf- 
gegeben habe und daß nur noch Furcht vor einer serbischen Offensive in 
Wien herrsche. Da diese Meldungen über serbische Siege und deren Wir- 
kungen offenbar zur Irreführrung der öffentlichen Meinung im eigenen 
Lande und in allerdings beschränkten Teilen des Auslandes nicht aus- 
reichen, verbreitet das serbische Preßbureau aus Nisch Berichte über 
russische Siege von kaum geringerer Bedeutung als desjenigen von 
Schabatz, die nicht nur die österreichisch-ungarische Armee, sondern das 
ganze Reich einer unausbleiblichen Katastrophe entgegenführen. 
Die Glaubwürdigkeit dieser Berichterstattung wetteifert mit jener 
des russischen Generalstabes, der den entscheidenden Sieg der Armee Auf- 
fenberg zwischen Weichsel und Bug mit den Worten verkündet: Der 
Rückzug der östereichisch-ungarischen Korps zwischen Weichsel und Bug 
vollzog sich mit ungeheuren Verlusten. Der Widerstand des Feindes ist 
gebrochen. Bezeichnender als diese Verdrehung der Tatsachen ist der 
Umstand, daß die bekanntlich ohne Schwertstreich erfolgte Besetzung der 
offenen Stadt Lemberg von der Petersburger Telegraphen-Agentur in 
der Form gemeldet wurde, daß der Generalissimus Großfürst Nikolaj 
Nikolajewitsch für den General Ruski, welcher nach einem glänzenden 
Siege die Festung Lemberg eingenommen habe, als Belohnung vom 
Jaren einen Orden erbitte.
	        
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