Metadata : Kriegführung und Politik.

Minderung  der  kriegerischen  Tugenden.  151

der  Heimat.  Das  Gefühl  der  Überspannung  trat  auch  bei  der
Truppe  ein,  das  sich  ebensalls  in  der  Verringerung  der  Widerstandsfähigkeit
  äußerte.

Ich  gebe  hierüber  folgende  Stelle  aus  meinen  Kriegserinnerungen:


„Zweifellos  brauchte  die  Kriegführung  die  Mitarbeit  der  Regierung,  um
die  Wirkung  der  militärischen  Erfolge  zu  vertiefen.  Aber  die  Waffe  sprach  doch
das  letzte  Wort.  Darüber  bestand  kein  Zweifel.  Kannte  man  wirklich  den  Vernichtungswillen
  des  Feindes  so  wenig,  kannte  man  nicht  die  Psyche  und  die
Reden  eines  Lloyd  George  und  Clemenceau?  Wozu  noch  ein  Kampf,  wenn  er
doch  nicht  mehr  nötig  ist,  um  den  Krieg  zu  gewinnen  oder  einer  Niederlage
vorzubeugen?  Machte  man  sich  denn  gar  keine  Vorstellung  von  der  Gemütsstimmung
  des  Mannes,  der  von  seinem  häuslichen  Getriebe  hinweg,  hinweg  von
Frau  und  Kind  und  gutem  Verdienst  hinausziehen  sollte  in  Not  und  Gefahr,
wenn  es  doch  nutzlos  war?  Konnte  man  nicht  den  Mann  verstehen,  der  in
dunkler  Nacht  allein  über  verschlammtes  Trichtergelände  hinweg  sich  in  steter
Lebensgefahr  nach  vorn  durcharbeiten  mußte,  wo  ihn  die  Hölle  erwartete,  oder
der  morgen  den  langersehnten  Urlaub  hatte  und  heute  noch  kämpfen,  vielleicht
sterben  mußte?  Weltbeglückende  Ideen  wurden  erdacht,  weit  schweiften  die  Gedanken
  in  die  Zukunft,  und  die  harte  vorhandene  Wirklichkeit  wurde  vergessen.
Der  Gewissensnot  des  Soldaten,  der  sein  Leben  hinzugeben  hatte,  erinnerte  man
sich  nicht.“

Und:

„So  wurde  in  dem  Reichstage,  in  der  Presse,  an  allen  Orten  zu  unserem
müden  Volke  und  zum  Soldaten  gesprochen,  von  dem  die  Oberste  Heeresleitung
für  das  Vaterland  den  Einsatz  seines  Lebens  auf  dem  Schlachtfelde  verlangen
mußte.  Sollten  unter  diesen  Einflüssen  weiche  Naturen  stark  werden?  War  es
zu  erwarten,  daß  verwahrloste  Jugendliche,  die,  in  den  letzten  Jahren  ohne
elterliche  Zucht  im  politischen  Parteigetriebe  und  im  Lebenstaumel  aufgewachsen,
sehr  viel  verdient  hatten  und  nun  nach  kurzer  Dienstzeit  zur  Truppe  kamen,  oder
unruhig  gesinnte  Männer  nach  Ablauf  ihrer  Reklamation  Soldaten  würden,
die  für  König  und  Vaterland  hingebungsvoll  kämpften?  Lag  nicht  der  Gedanke
viel  näher,  daß  sie  alle  nur  an  die  Erhaltung  ihres  Lebens  dachten?"  War  nicht
anzunehmen,  daß  jene  Eindrücke  auf  weniger  gefestigte  Charaktere  verderblich
einwirken  würden,  namentlich  in  Stunden  der  Not,  wo  menschliche  Schwächen
sich  hervordrängten?“

Ich  setze  heute  hinzu:

„Konnte  man  von  einem  Manne  volle  Hingabe  verlangen,  dem
man  sagte,  daß  ein  deutscher  Sieg  für  seine  Partei  nicht  nützlich  sei,
oder  daß  er  ein  Narr  sei,  wenn  er  an  den  Sieg  Deutschlands
glaube?“