Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Aug.  Anf.  5  111

4     5  Meilen  und  das  entfernteste  Bielostol  20  Meilen  von  der  preußischen
  Grenze  entfernt  liegen.  Diese  fünf  russischen  Kavalleriedivisionen  umklammern
  vollständig  die  Provinz  Ostpreußen.  Die  Russen  waren  zwar  niemals
  um  Gründe  verlegen,  diese  auffallende  Anhäufung  einer  so  zahlreichen
Kavallerie  an  ihrer  Westgrenze  zu  erklären,  aber  diese  Gründe  einmal
soll  in  den  westlichen  Gouvernements  das  Pferdefutter  billiger  sein.  ein  andermal
  wird  einfach  darauf  hingewiesen,  daß  dieser  Verhältnis  immer  so  gewesen
  sei  —  sind  so  wenig  stichhaltig,  daß  der  wirkliche  Grund  für  diese
Maßregel  nicht  gut  verdeckt  werden  kann.  Und  der  besteht  einfach  darin,  daß
Rußland  nur  an  seiner  Westgrenze.  einen  größern  Krieg  zu  erwarten  hat  und
daraufhin  seine  Vorbereitungen  trifft.  Ähnlich  wie  Frankreich,  wo  ja  alles
militärische  Interesse  nach  der  Ostgrenze  neigt,  in  deren  Nähe  mehrere  Kavalleriedivisionen“
  untergebracht  hat,  so  trifft  Rußland  seine  Vorbereitungen
in  erster  Linie  für  den  Kriegsfall  an  seiner  Westgrenze.  Man  kann  aus
dieser  Voraussicht  und  aus  dem  Bestreben,  an  seinen  westlichen  Grenzen  so
stark  wie  möglich  zu  sein,  Rußland  in  keiner  Weise  einen  Vorwurf  machen,
aber  ebensowenig  kaun  man  es  Deutschland  verargen,  wenn  es  die  eigentümliche
  Verteilung  der  russischen  Kavallerie  im  Auge  behält  und  danach  seine
Gegenmaßregeln  trifft.

Anf.  August.  (Deutsches  Reich.)  Der  Kaiser  ladet  die
Könige  von  Spanien  und  Serbien  und  den  Pringen  von  Wales  zu
den  im  künftigen  Monat  bevorstehenden  großen  Kaisermanövern  bei
Homburg  ein.

1.  Angust.  (Preußen.)  Die  preußischen  Bischöfe  treten  unter
dem  Vorsitze  des  abgesetzten  Erzbischofs  von  Köln  in  aller  Stille
in  Mainz  zusammen  und  erklären  sich  ihrerseits  einstimmig  für
Einholung  der  im  neuesten  kirchenpolitischen  Gesetze  geforderten  Dispense
  behufs  Zulassung  einer  großen  Anzahl  bisher  nicht  anerkannter
Priester  zur  Besetzung  der  nunmehr  von  der  Anzeigepflicht  befreiten
Hilfspriesterstellen.  Der  Beschluß  wird  indes  erst  der  Genehmigung
und  Entscheidung  des  Papstes  unterbreitet.

5.  August.  (Deutsches  Reich.)  Die  ultramontane  Zentrumspartei
  macht  aus  ihren  politischen  Handelsgeschäften  mit  den  anderen
  Extremen  und  mit  der  Regierung  gar  kein  Hehl  mehr.

In  der  in  Wiesbaden  von  der  dortigen  Zentrumspartei  abgehaltenen
Wahlversammlung  zeichnet  der  Abg.  Lieber  die  gegenwärtig  beliebte  Methode,
das  politische  Leben  der  Nation  in  Interessengruppen  aufzulösen  und  diese  als
Vorspann  zumal  für  steuerpolitische  Zwecke  Zu  beuntzen.  Dabei  meint  er,
für  das  Tabakmonopol  würde  viel  zu  haben  sein,  aber  das  Zentrum  denke



an  keine  Handelsgeschäfte.  Darauf  nimmt  ein  anderer  Redner  das  Wort,
welcher  durch  seine  Berufung  auf  seine  Intimität  mit  Windthorst  den  Eindruck
  hervorruft,  als  spreche  er  im  Einverständnisse  mit  dem  abwesenden
Zeutrumsführer.  Er  stimmt  dem  Abg.  Lieber  zwar  bei,  fügt  aber  hinzu,
daß  man  es  der  Zentrumspartei  gewiß  nicht  übel  nehmen  könne,  wenn  sie
kirchliche  Kongzessionen  gegen  kleine  Dienste  politischer  Art  eintausche,  wo  sich
Gelegenheit  hierzu  biete.  So  würden  beispielweise  auf  dem  Zollgebiete  etwaige
Wünsche  der  Regierung  befriedigt  werden  können  der  Reduer  dentet  speziell
eine  Erhöhung  der  Getreidegzölte  an  und  wenn  gegen  das  Zugeständnis