302 Eugen Mogk: Sitten und Gebräuche im Kreislauf des Jahres.
zu denen auch unsere Vorfahren gehörten, lebten seit uralten Zeiten in dem
Wahne, daß einige Bäume zweimal blühten und Früchte trügen. In den
Winter wurde die Zeit dieser zweiten Blüte, die Zeit der zweiten Ernte ver-
setzt. Dieses Glaubens bemächtigte sich auch die Kirche; ihre Schriftsteller
nahmen ihn, wie so manches andere aus dem Heidentum, auf und erzählten,
wie diese Bäume in den Weihnachtstagen ihre zweiten Früchte trügen. Vor
allen waren es die Apfelbäume, von denen diese Märe galt, und hieraus er-
klärt sich die Rolle, die noch heute die Apfel unter und an dem Christbaume
spielen. Nach ähnlichem Glauben sollte ferner in der Christnacht die ganze
Natur grünen und sprossen. Man pflückte deshalb Zweige und trug sie in
das Zimmer, das sie am Christtage schmücken sollten. Es ist ja bekannt,
daß dieser Glaube heute noch fortlebt: in vielen Familien werden am
Andreastage Kirsch= oder Apfelzweige gepflückt, von denen man am Christfeste
die Blut erhofft. Mancher weiß ja vielleicht auch aus eigener Erfahrung, wie
oft diese Hoffnung zu nichte wird. Solche getäuschte Hoffnung und zugleich
die Freude der Deutschen an Wald und Waldesgrün mögen es gewesen sein,
die auf den Gedanken führten, den grünen Baum des Winters, den Tannen-
oder Fichtenbaum, in die menschlichen Wohnungen zu tragen. Wir finden
die Thatsache zum erstenmale im 17. Jahrhundert belegt und zwar in einer
Straßburger Quelle. Es wird uns dort berichtet, daß in jener Gegend zu
Weihnachten Tannenbäume in der Wohnstube gestanden hätten, behangen
mit Apfeln, Zuckerzeug, Puppen, aber ohne Lichter und Flittergold. Noch
nicht bildete der Baum den Mittelpunkt der Bescherung. Als solchen finden
wir ihn zum erstenmale in unserem Sachsen und zwar 1737 in Zittau.
Hier wurde damals jedem Gliede der Familie ein Christbäumchen aufgestellt
und dies Christbäumchen ist auch schon mit Lichtern geschmückt. Bald ver-
schwinden die Einzelbäumchen und machen dem großen Baume Platz, unter
dem sich die ganze Familie vereint, der in vollem Putz wie heute prangt,
unter dessen Zweigen die Gaben für groß und klein ausgebreitet liegen.
Dieser Familienlichterbaum, der sich vor dem Ausgange des vorigen Jahr-
hunderts nicht nachweisen läßt, verbreitet sich über alle Lande germanischer
Zunge mit einer Schnelligkeit, die in der Geschichte volkstümlicher Sitte fast
einzig dasteht. Und bald hält der Christbaum auch seinen Einzug auf dem
Christmarkte. Während wir auf dem Leipziger Christmarkte des Jahres 1785
noch keine Tannenbäume antreffen, finden wir sie auf dem Dresdner im
Jahre 1807 in großer Zahl. Heute prangt der Christbaum mit seinem
Lichterschmucke bei uns in Sachsen ja fast in jedem Hause. Doch giebt es
auch jetzt noch einzelne Gegenden in Deutschland, wo wir ihn nicht antreffen.
Neben dem Christbaum ist dann auch die Christpyramide entstanden, die noch
vor 20—30 Jahren auch in Sachsen ziemlich verbreitet war. An der Grenz-
scheide dieses und des vergangenen Jahrhunderts taucht sie zuerst auf, und