Johannes Walther: Sprache und Volksdichtung der Wenden. 339
außerordentlich herzlichen und innigen Verhältnis der Gemeinde zu ihrem
Geistlichen, welche freilich ohne das Medium der Muttersprache nie und
nirgends denkbar ist. Die hauptsächlichste Pflanz= und Pflegestätte der
wendischen Sprache ist das Haus, die Familie; ihre hauptsächlichste Trägerin
ist die Frau, die Mutter. Vom Hause hinaus geht die Sprache auf die
Dorfstraße zum Spiel der Kinder, zur gemeinsamen Arbeit der Hausgenossen
und Dorfbewohner in Hof und Feld und Wald, zur Volksbelustigung und
zur Totenklage um einen Gestorbenen, wie zum Gesang der Volkslieder.
Hier in Haus und Familie waren und sind die starken Wurzeln ihrer
Lebenskraft. Hierbei ist die Eigentümlichkeit bemerkenswert, daß der Wende
mit allen seinen Haus-, Stall= und Hofbewohnern wendisch spricht, mit
Ausnahme des Pferdes und des Hundes, mit diesen radebrecht er, wenn es
auch noch so verkehrt klingt, deutsch. Der Grund für diese auffällige Er-
scheinung ist ein historischer. Jahrhundertelang hatte der wendische Hörige
oder Leibeigene mit beiden genannten Tieren nur auf dem Edelhofe des
deutschen Herrn zu thun, wo es anstößig oder verboten war, wendisch zu
sprechen; so ist es auch, nachdem jene Schranken fielen, ihm in Fleisch und
Blut übergegangen und geblieben bis zum heutigen Tage.
Wenden wir uns vom Gebiet der Sprache zu dieser selbst. Die wen-
dische oder sorbische Sprache gehört zu den westlichen slawischen Sprachen.
Wie schon wiederholt erwähnt, zerfällt sie in zwei Hauptdialekte, den ober-
lausitzischen oder obersorbischen und den niederlausitzischen oder nieder-
sorbischen. Das Obersorbische steht lautlich dem Tschechischen näher, das
Niedersorbische dem Polnischen, sodaß beide zusammen das sprachliche Binde-
glied zwischen tschechisch und polnisch darstellen. Der Kürze wegen können
wir nur vom obersorbischen reden. Dieses spaltet sich wiederum in ver-
schiedene Varietäten, welche nach den neuesten verdienstvollen Forschungen
von Dr. Mucke am richtigsten in 3 Gruppen geteilt werden; den östlichen
Dialekt, den mittleren oder Bautzner Dialekt, der zugleich Schriftsprache ist,
und den westlichen oder Kamenzer Dialekt; diese Varietäten stehen natürlich
an den Grenzen nicht schroff nebeneinander, sondern gehen ineinander
über, ihre Unterschiede, die für das Ohr des Kenners sofort kenntlich sind,
bestehen hauptsächlich in der Verschiedenheit gewisser Vokale, einiger Kon-
sonanten, gewisser Beugungsformen und bestimmter einzelner Worte und
Wortverbindungen. Nur einige Beispiele: Spricht man im Bautzener Dialekt
die Adverbial= und Verbalsubstantiv-Endung je wie man sie schreibt — je,
so hört man im Osten die Kontraktion i; hier dawanje das Geben, dort
dawani; hier hroznje, Adverb von hrozny häßlich, dort hrozni. Sagt
man im Bautzner Dialekt mydlo die Seife, wysoki hoch, so spricht man im
westlichen Dialekt voller und gröber mödlo, wôsoki. Flektiert der Bautzner
Dialekt das pronomen personale der 3. Person wön folgendermaßen: gen.
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