Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

250  Bortrag  des  Lyrischen.

Weit,  weit  von  hier  entfernet  seine  Schritte!  —
Befreit  von  Sorgen  mich,  eh'  ihr  zu  sprechen
Beginnet.  Ich  befürchte  bösen  Zwist,
Wenn  du,  o  König,  nicht  der  Billigkeit
Gelinde  Stimme  hörest,  du,  mein  Bruder,
Der  raschen  Jugend  nicht  gebieten  willst.  —
Betäubt,  verworren,  mit  sich  selbst  entzweit
Und  mit  der  Welt,  verehrte,  heil'ge  Jungfrau,
Siehst  du  mich  hier.  Die  Angst  des  Augenblicks,
Die  Sorge  für  die  Zukunft  treiben  mich
In  deine  Gegenwart,  in  der  ich  Linderung
Des  ungeheuren  ÜMbels  hoffen  darf.  —
Sie  kommen,  tragen  meine  Habe  fort,
Das  Letzte,  was  von  köstlichem  Besitz
Mir  übrig  blieb.  Wird  es  mir  auch  geraubt?
Ein  günst'ger  Wind  bewegt  die  Wimpel  seewärts,
Bald  werd'  ich  alle  Segel  schwellen  sehn.
Die  Flotte  löset  sich  vom  Hafen  ab,
Und  nun  das  Schiff,  das  mich  Unsel'ge  trägt!
Man  kommt,  man  fordert  mich  an  Bord.  O  Gott,
Ist  denn  der  Himmel  ehern  über  mir?
Dringt  meine  Jammerstimme  nicht  hindurch?  —

Du  wirst  mich  ängstigen  daß  ich  zuletzt  kaum  traue  ein  Glas
Wasser  zu  begehren.  Bruder,  was  enthält  der  Brief?  Sieh  wie  er
zittert,  wie  ihn  aller  Mut  verläßt.  —

Um  Gottes  willen  nichts  von  Privilegien.  Ich  wittere  den  Geruch
von  einem  Exekutionsmorgen.  Die  Sonne  will  nicht  hervor,  die  Nebel
stinken.

Gott,  Gott,  wo  bin  ich?  Und  so  ganz  allein!
Wo  bleibt  meine  Mutter?  Und  der  Graf?

Ward  nicht  hinter  uns  geschossen?  Und  das  hat  den  Grafen  oder
meine  Mutter  getroffen!  —

Verzeihen  Sie,  mein  Herr,  wir  sind  von  Räubern  überfallen  worden.
Da  kamen  uns  gute  Leute  zu  Hülfe!  Dieser  ehrliche  Mann  hob  mich  aus
dem  Wagen  und  brachte  mich  hierher.  Allein  ich  erschrecke  mich  allein
gerettet  zu  sehen.  Meine  Mutter  ist  noch  in  Gefahr.  Hinter  uns  ward
sogar  geschossen!  Sie  ist  vielleicht  tot  —  und  ich  lebe!  Ich  muß  fort,
ich  muß  wieder  hin,  wo  ich  gleich  hätte  bleiben  sollen.  —

Aber  wenn  ihnen  nichts  widerfahren,  wenn  meine  Ahnungen  mich
trügen,  warum  sind  sie  nicht  schon  hier?  Warum  kommen  sie  nicht  mit
Ihnen?  —