Das  französische  Listen-Wahl-Gesetz.

Mitgetheilt  durch

Professor  Dr.  FELIX  STOERK.

Die  auf  die  Reform  des  französischen  Wahlrechts  abzielende  legislatorische
  Bewegung  hat  im  Gesetze:  Loi  organique  du  30  novembre  1875  sur
l’election  des  deputes  nur  einen  vorläufigen  Abschluss  gefunden.  Bald  nach
seiner  Publication  wurde  dasselbe  zum  Gegenstande  wiederholter  Kıitik  in  den
gesetzgebenden  Körpern  sowohl  hinsichtlich  seines  verfassungsrechtlichen
Prineipiengehaltes,  als  auch  in  Ansehung  seiner  rein  wahltechnischen  Vorschriften.
  Die  aus  den  allgemeinen  Wahlen  vom  21.  August  1881  hervorgegangene
  Kammer  der  Deputirten  nahm  die  von  ihrer  Vorgängerin  begonnene
  gesetzgeberische  Arbeit  auf’s  Neue  auf  und  legte  bei  Durchführung
derselben  das  Schwergewicht  ihrer  Entscheidung  auf  die  Reform  der  formellen
Wahltechnik,  während  die  auf  Abänderung  wichtiger  materieller  Grundsätze
des  französischen  Verfassungsrechts  gerichteten  Versuche,  von  dem  episodischen
Gesetze  vom  14.  August  1884  abgesehen,  zu  einem  legislativen  Abschlusse
nicht  geführt  wurden.  Erfolglos  blieben  derartige  Versuche,  an  Stelle  des
ausschliesslich  geltenden  Majoritätsprincipes  den  verfassungsrechtlichen  Schutz
der  Minoritäten  eintreten  zu  lassen  mit  Hülfe  einer  proportionellen  Vertretung!)
  im  Sinne  der  von  HArRE,  JoHN  STUART  MiLL  u.  a.  vertretenen  Wahlsysteme?)
  und  die  Wiedereinführung  des  imperativen  Mandats?).  Die

ı)  S.  Verhandlungen  der  Chambre  des  deputös  im  Journal  officiel  1880
26.  November  bis  2.  December,  Vorschlag  wegen  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses.
  Chambres:  Expose  des  motifs,  annexes  p.  165,  abgelehnt  vom  Senat
s.  Verhandlungen  desselben  Journ.  officiel  vom  26.  November,  8.  und  11.  December
  1880  und  22.  Januar  1881.  —  Proposition  ayant  pour  objet  d'assurer
la  plus  sincere  expression  du  suffrage  universel  dans  les  diverses  &amp;lections
municipales  ou  legislatives  (Annexes  au  Proces-Verbal  p.  1024);  Proposition
ayant  pour  objet  de  rendre  le  vote  obligatoire  mais  l’electorat  facultatif
(annexes  p.  1133  rapport  ibid.  p.  1451).  Chambre:  expose  des  motifs  annexes
1883  p-  422;  s.  Annuaire  de  legislation  francaise  Ile.  annee  p.  2.

)  Vergleichende  Studien  des  Problems  s.  bei  Avauste  ARNAUNE  und
Anpr&amp;  Leson,  Etude  sur  les  debats  du  Parlement  anglais  relatifs  a  la  representation
  proportionnelle.  Bulletin  de  la  Sociöte  de  Legislation  comparee
T.  XIII  p.  327—387.  P.  DAreste,  Etude  sur  la  representation  proportionnelle
en  Danemark  et  dans  les  autres  pays  scandinaves  1.  c.  T.  XIV  p,  153  —-168.
Ernest  Rosvm,  Etudes  sur  les  debats  des  Corps  legislatifs  suisses  relatifs
a  la  representation  proportionnelle  et  des  minorites,  T.  XIV  p.  301—329,