—  55l  —

juridische  Beurtheilung  der  Thatsachen.  Daher  eine  gewisse
Zwiespältigkeit  der  einschlägigen  Werke.  So  bei  DArGuN  einerseits
  Eingeständniss,  dass  ein  Maassstab  für  die  culturelle
Stufenfolge  der  Völker  nicht  gefunden  werden  könne  und  andererseits
  consequent  gebrauchte  Werthrelation  cultivirter  und  unkultivirter
  Völker  und  daran  geknüpfte  Voraussagungen,  bei  Pos
unumwundene  Ausdrücke  von  Unzufriedenheit  und  Verdammung
z.  B.  über  Regelwidrigkeit  des  geschlechtlichen  Verkehrs,  in  seinem
Tadel  gegen  gewisse  Mängel  des  römischen  Rechtes,  während  in
anderen  Capiteln  zu  allem,  was  ist,  Ja  und  Amen  gesagt  wird.

Diese  Methode  führe  schliesslich  nur  zur  Darstellung  von
Varietäten  des  manvigfachen  Thatsächlichen  ohne  inneren  Zusammenhang.
  „Der  Geschlechtstrieb“  bemerkt  BERNHÖFT,  „verwirklicht
in  sich  Einzelehe,  Vielweiberei,  Vielmännerei,  Gruppenehe  und
Weibergemeinschaft  schliesslich  giebt  die  Vergleichung  kein
anderes  Resultat,  als  dass  alle  Menschen  Geschlechtstrieb  haben.“
Aehnliches  gelte  von  Geselligkeitstrieb  und  Regierungsformen.  —
Post  bewahre  seine  kühle  Objectivität  selbst  bei  Fragen  wie
Religionsverfolgung  ,  Hexenprocesse,  Tortur,  er  verzichte  auf  die
Aufstellung  einer  Werthrelation  und  begebe  sich  somit  des
Hauptvortheils  des  Vergleiches,  und  verzichte  zugleich  auf  Herstellung
  einer  Brücke  zwischen  den  Daten  und  der  Einheit
unseres  Bewusstseins.

Man  suche  hier  also  das  Recht,  ohne  unsere  Vorstellung
vom  Guten  und  Rechten  festzuhalten:  den  einzigen  Compass  auf
sturmbewegter  See.  Dieses  Vergleichungsmaass  sei  nur  provisorisch,
  aber  wir  vermögen  in  unserem  Vorstellungskreise  nur
mit  Hilfe  dieser  Kategorieen  zu  denken,  nur  so  Nittliches  von
Unsittlichem,  Menschliches  vom  Unmenschlichen  zu  trennen  und
nur  so  auszuscheiden,  was  zu  allen  Zeiten  unmenschlich,  unsittlich
und  daher  unrecht  war.

Die  lange  Reihe  der  oben  wiedergegebenen  Vorwürfe  halten
wir  gleich  der  vorigen  für  ungerechtfertigt  und  zwar  aus  folgenden
Gründen.  Tyror  und  die  übrigen  Engländer  sollte  man  mit
Rücksicht  auf  Anwendung  oder  Zurückweisung  eines  Maassstabs
der  Culturhöhe  nicht  in  Gegensatz  zu  den  Deutschen  Fachgelehrten
im  Allgemeinen  bringen.  Auch  die  Deutschen  streben  überall