2  Vorwort,

Götter  in  ihrer  alten  Heimath  nicht  mehr  zu  Hause,  verliessen
sie  ihre  Altäre,  flohen  unstät  in  der  Welt  umher  und  änderten
und  vermischten  im  Exil  ihre  Gestalten  und  Umrisse.  Epdlich
verschmolzen  sie  in  eine  unbestimmte  gasartige  Einheit.  Dieselbe
Vermischung  der  religiösen  Bilder,  das  gleiche  Verdunsten  in
eine  gestaltlose  Einheit  hat  bei  uns  stattgefunden  und  augenblicklich
  schwebt  noch  der  Krieg,  in  welchem  diese  gasartige
Centralisation  den  Rest  der  alten  und  farbenreichen  Götterbilder
sich  zu  unterwerfen  und  zu  assimiliren  sucht.

Da  ich  aber  kein  Freund  von  historischen  Anspielungen  bin
und  in  meiner  „Christus-  und  Cäsaren“-Schrift  nach  dem  Gleichınaass
  der  Darstellung  strebte,  so  babe  ich  es  vermieden,  in
dieselbe  meine  schon  vor  Jahrzehnten  ausgesprochene  und
bekannt  gewordene  Überzeugung  von  der  Parallele  der  Gegenwart
  und  der  römischen  Imperatorenzeit  hineinzuziehen  und  die
Aufmerksamkeit  unnöthigerweise  zu  zerstreuen.  Der  Plan  zur
„Bismarck“-Schrift  und  der  Entschluss,  sie  der  Schilderung  der
Christen-  Anfünge  folgen  zu  lassen,  standen  mir  schon  fest,  als
ich  mich  an  die  Ausarbeitung  meiner  Deutung  des  christlichen
Mysteriums  machte.  Jetzt  also  kann  ich  über  den  Zusammenklang
  zweier  grosser  Zeitalter  ex  professo  handeln.

Die  Bewunderer  der  heutigen  Ära,  wie  die  Männer,  die  in
der  Hast  und  fieberhaften  Unruhe  einer  neuen  Organisation  ihre
Lebenskraft  aufgewandt  haben,  hören  es  nicht  gern,  dass  ihre
Leiden  und  Freuden  der  Wiederholung  eines  früheren  Schauspiels
dienen  und  am  Ende,  gleich  der  der  römischen  Imperatorenzeit,
zu  einer  unerwarteten  geistigen  Katastrophe  führen  sollen.
Rastlos  und  mit  der  eiligen  Reforın  ihrer  Umgebung  beschäftigt,
übersehen  sie  es,  dass  ihr  Arbeitsfeld  nur  der  Teil  eines  Bodens
ist,  der  seit  dem  Schluss  des  vorigen  Jahrhunderts  von  den
republikanischen  und  kaiserlichen  Heeren  Frankreichs  vom  Nil
und  Tajo  an  bis  zur  Moskwa  beackert  und  mit  Blut  gedüngt
ist  und  dass  aus  den  gelockerten  Furchen  Städtefreiheit,  Emancipation
  von  zahllosen  kleinen  Herren,  Centralisation  der  Action
und  die  Berufung  der  bisherigen  Leibeigenen  in  die  Volksheere
aufgegangen  sind,  —  also  ein  Schatz  von  Gütern  und  Mitteln,
die  auf  etwas  mehr  als  eine  jährlich  wechselnde  und  revisionsbedürftige
  Gesetzgebung  hinweisen.

Und  selbst  die  scheinbar  Glücklichen,  auf  deren  Haupt  alles
zusammengehäuft  und  in  die  strahlende  Glorie  verwandelt  ist,