Vorwort.  3

was  sonst  Zweck  und  Recht,  Belohnung  und  Genuss  der  Volksthätigkeit
  war,  können  gleich  den  römischen  Vorgängern  ihren
Triumph  nicht  in  Ruhe  geniessen.  Inmitten  ihrer  gereizten
Anspannung  vergessen  sie,  wenn  Unzufriedenheit  und  Widerstand
sie  kränkt,  dass  jede  neue  Anfachung  des  Streits  zwischen
populären  und  imperatorischen  Ansprüchen  nur  dazu  dient,  ihren
Machtzuwachs  zu  steigern  und  ihnen  ein  Centralisationsprojekt
nach  dem  andern  in  den  Schooss  zu  werfen.

Allein  neben  der  militärisch-absolutistischen  Centralisation
und  neben  dem  Zusammenfallen  der  früheren  Götterbilder  in  den
unbestimmten  Schimmer  eines  allgemeinen  höchsten  Wesens
erhebt  sich  in  den  imperatorischen  Zeiten  immer  eine  dritte
Machıt,  welche  die  immateriellen  Güter  ihrer  jedesmaligen  Welt
in  das  persönlichste  Gefühl  zusammenfasst  und  den  Ausgang  zu;
einer  neuen  Zukunft  öffnet.

Zur  Seite  der  römischen  Imperatoren  war  der  Sitz  dieser
dritten  Macht  das  Gemüth,  welches  aus  den  Sätzen  der  alten
Denkerschulen  und  Forscher  alles  für  die  Seele  Heilsaıme  und
Rettende  zusammenballte,  in  Stimmungen  verwandelte  und  zu
Motiven  und  Forderungen  zuspitzte.  Und  aus  der  Tiefe  eines
so  bereicherten  und  gestärkten  Gemüths  erhob  sich  als  der
mächtigste  Centralisator  der  Stifter  der  neuen  Weltreligion,
berief  im  Sklaventode  am  Kreuz  alle  Gefesselten  und  Geplagten
zu  seiner  Gemeinde  und  sammelte  sie  zu  einem  Reich  der  Freiheit,
  welches  den  Glanz  der  römischen  Pracht  überleben  sollte.

line  Orientirung  über  die  neue  Ära  würde  ein  vergebliches
  Unternehmen  sein,  wenn  sie  nicht  die  Leuchte  der  Geschichte
  zur  Hilfe  nähme  und  beim  Vorschreiten  in  den  scheinbar
verwickelten  Wegen  der  Bismarck’schen  Schöpfung  die  parallelen
Erscheinungen  des  Alterthums,  besonders  der  römischen  Imperatorenzeit
  im  Auge  behielte.  Da  aber  gerade  die  Verehrer  und
Diener  dieser  Schöpfung  den  Vergleich  mit  dem  Werk  der
Cäsaren  und  Octavianen  zurückweisen,  überhaupt  für  die  Beurtheilung
  des  alten  Vorgangs  das  verwerfende  Urtheil  des
Tacidus  die  Oberherrschaft  behauptet,  so  werde  ich  meiner
Arbeit  als  Einleitung  eine  Uebersicht  der  bisherigen  Deutungen
des  Imperialismus  und  eine  Skizze  der  grundlegenden  Arbeit
Macchiavell’s  voranschicken.

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