6  Macchiavell’s  und  seiner  Nachfolger  Deutung  des  Imperialismus.

nur  an  Einem  Punkte;  nicht  allein  die  Häupter  der  militärischpolitischen
  Sieger  haben  sie  dazu  erkoren,  um  auf  ihnen  die
Ämter,  Rechte  und  Regierungsmittel,  die  sonst  an  Corporationen
und  deren  Beauftragte  vertheilt  waren,  zu  vereinigen  und  dem
Einen,  was  sonst  als  Zierde  selbständiger  Rechte  und  Ehren  galt,
zu  Mitteln  der  persönlichen  Herrschaft  zu  verwandeln.  Sondern
sie  stärken  auch  das  Gemüth  isolirter  Privaten  zur  Centralisation
der  geistigen  Güter,  zur  Zusammenfassung  der  Erwerbnisse  und
Versuche  vorhergehender  Zeiten  und  zur  Umwandlung  dieser
immateriellen  Güter  in  inneren  Besitz  und  persönliche  Kraft.

Die  imperialistischen  Zeitalter  haben  den  unscheinbaren
Geburtsstätten  einer  neuen  Geistesverfassung  und  Gemüthsstimmung
  immer  eine  besondere  Zärtlichkeit  erwiesen,  als  sie
den  militärischen  Siegern  den  Reiz  dazu  eingaben,  den  Trägern
der  veralteten  Ehren  und  Ämter  den  Schein  der  früheren
strotzenden  Kraft  zu  entziehen  und  deren  Ansprüchen  und  Verhandlungen
  den  Stempel  der  Altersschwäche  und  der  Langweiligkeit
  aufzudrücken.

Als  die  geistigen  Sieger  der  macedonischen  und  römischen
Weltkrisis  unscheinbar  und  anfangs  wenig  beachtet  ihr  Wort
erhoben,  gab  es  neben  den  Diktatoren,  von  denen  sie  nichts
verlangten,  nichts,  was  durch  eigne  Bedeutung  sie  hätte  in  den
Hintergrund  bannen  können,  und  widersprach  der  Reichthum  und
die  Schwungkraft  ihrer  Seele  der  Klage  über  eine  allgemeine
Herabdrückung  der  Geister.  Die  griechischen  Moralphilosophen
würden  gelächelt  haben,  wenn  man  sie  als  Zeugen  des  Verfalls
von  Griechenlands  Macht  und  Grösse  hätte  blosstellen  oder
bemitleiden  wollen.  Auch  die  ersten  Christen  der  Cäsarenzeit
hätten  sich  im  Genuss  ihrer  Seelenkraft  und  in  ihrer  Siegesgewissheit
  sicherlich  nicht  stören  lassen,  wenn  man  ihre  Einkehr
zu  den  Gütern  des  Glaubens  als  ein  blosses  Zeugniss  vom  Unglück
  der  Welt  bedauern  wollte.

Macchiavell  hatte  im  Studium  des  römischen  Alterthums
zugleich  seine  persönliche  Begabung  für  Organisation,  sein  Verständniss
  für  die  Geschichtsgesetze  und  den  Blick  für  seine
Gegenwart  gestärkt  und  sich  dazu  vorgebildet,  die  Pforte  der
beginnenden  Politik  zu  öffnen.  Den  Aufgang  des  neuen  Gestirns,
welches  die  neuere  Zeit  beherrscht,  entdeckte  er  im  revolutionären
  Gewirr  seiner  Umgebung,  wo  kühne,  auf  die  eigene
Kraft  vertrauende  Gewaltmenschen  sich  mit  List  und  geschickter