8  Macchiavell’s  und  seiner  Nachfolger  Deutung  des  Imperialismus,

Gewalt  kommen  muss,  klärte,  während  er  vergebens  auf  den
Schöpfer  des  einigen  Italiens  wartete,  das  Mysterium  des  geheimnissvollen
  Fürsten  noch  weiter  auf.  Bis  jetzt  hatte  er  es
nur  halb  gelöst.

Persönlich  von  der  Nothwendigkeit  der  Gewalt  überzeugt,
gehörte  er  doch  selbst  dem  Element  der  demokratischen
Corruptela  an  und  regte  sich  in  ihm  das  im  Studium  des  Livius
gekräftigte  Gefühl  der  Freiheit  zu  lebendig,  als  dass  er  sich
dem  Löwen  bedingungslos  hätte  preisgeben  können.  Vielseitig
war  er  nach  der  Anlage  seiner  Zeitgenossen  auch  darin,  dass
er,  während  sein  Buch  vom  Fürsten  im  Hausarchiv  der  Medicis
ruhte,  mit  den  Gegnern  derselben  in  Verbindung  blieb  und  in
den  Gärten  des  Rucellai  den  dortigen  freigesinnten  Kreis,  aus
welchem  die  verunglückte  Verschwörung  des  Jahres  1522  hervorging,
  in  der  Freiheit  der  alten  Römer  unterrichtete.  Ihm  schwebte
ein  Compromiss  zwischen  der  demokratischen  Freiheit  und  der
Autorität  der  fürstlichen  Centralisation  vor,  —  eine  Bundesgenossenschaft,
  deren  Vertrag  er  auch  in  dem  für  den  Papst
Leo  X.  ausgearbeiteten  Plan  einer  Reforn  des  florentinischen
Staatswesens,  seiner  reifsten  Schrift,  entwarf.  Sein  letztes  Wort
war  demnach  der  Satz,  dass  die  durch  die  Corruptela  nothwendig
  gewordene  Gewalt  die  Revolution,  ihre  Mutter,  zwar
entwaffnen,  aber  nicht  tödten  darf,  da  sie  sich  sonst  überflüssig
machen  und  ihres  werthvollsten  Materials  sich  selbst  berauben
  würde.  Die  Revolution  ist  nach  diesem  Schlusswort  des
ersten  helldenkenden  und  umfassenden  Gesetzgebers  in  Sachen
des  Imperialismus  nicht  nur  der  Gegner  des  ordnenden  Fürsten,
sondern  auch  sein  Verbündeter  und  Mitarbeiter.

So  enthüllte  der  geistvolle  Florentiner  den  Sinn  jener  Combination,
  mit  welcher  Augustus  zu  seinen  zahlreichen  Würden
und  Ehren  auch  die  Unverletzlichkeit  der  Volkstribunen  und
ihre  Verpflichtung  zum  Schutz  des  Volkes  gegen  Überwältigung
durch  Senat  und  Patricier  hinzufügte.

Es  war  persönliche  Leidenschaft  für  die  Freiheit  und
patriotische  Überzeugung  von  der  Nothwendigkeit  einer  Centralmacht
  für  die  Einigung  Italiens,  was  Macchiavell  für  die  Sprache
und  Lehre  der  Historie  empfänglich  machte  und  ihn  trieb,  in
den  Werken  der  Römer  die  Kräftigung  für  seine  Empfindungen
  und  die  Bürgschaft  für  seine  Hoffnungen  zu  suchen.
Wir  können  seine  Sätze  auch  eine  jener  Inspirationen  nennen,