Ludwig  Bamberger's  „Herr  von  Bismarck."  27

zwischen  seiner  und  der  königlichen  Ansicht  zu  einer  dringlichen
Bearbeitung  des  Kaisers  der  Franzosen  anzuspornen.  Er  schreibt
demselben,  dass  der  König  „die  Bedeutung  eines  norddeutschen
Bundesstaates  geringer  anschlage  als  er  selbst,  demnach  auf
Annexionen  vor  allem  Werth  lege,  während  er  dieselben  nur
neben  der  Bundesreform  als  Bedürfnis  ansehe,  weil  sonst  Sachsen
  und  Hannover  für  ein  intimes  Verhältnis  zu  gross  blieben.“

Trotz  des  geharnischten  Telegramms,  welches  der  Kanzler
des  norddeutschen  Bundes  aus  dem  Hauptquartier  der  Armee
unterm  6.  August  1870  dem  Türr’schen,  an  ihn  gerichteten  und
damals  von  den  Wiener  Blättern  veröffentlichten  offenen  Brief
entgegensetzte,  sind  wir  durch  den  Gleichklang  der  ihm  von
Türr  zugeschriebenen  Äusserungen  mit  der  Melodie  seiner  soeben
angeführten  Herzensergüsse,  dazu  berechtigt,  jene  Äusserungen
im  vorliegenden  Zusammenhange  wenigstens  einzufügen.  Auf
Türr’s  Bemerkungen  über  die  ausschliesslich  preussische  Färbung
des  norddeutschen  Bundes  in  der  Zusammenkunft  mit  dem  Minister,
  im  Februar  1867,  soll  dieser  geantwortet  haben:  „das  sei
allerdings  wahr  und  das  Prussificationsgelüste,  welches  die  Regierung
  des  Königs  auszeichne,  beklagenswerth,  er  selbst  aber
habe  nicht  die  Macht,  das  wieder  gut  zu  machen,  was  die  grosspreussische
  Partei  verschuldet  habe.“

Es  liegen  uns  jedoch  nicht  wenige,  nicht  unbeträchtliche
Documente  vor,  die  uns  in  der  von  Bismarck  vor  Botschaftern
und  Privatpersonen  selbst  angeregten  Frage,  wie  weit  er*)  in
der  auswärtigen  Politik  nur  den  „bestimmten,  genauen  und
speciellen  Anweisungen  des  Königs“  folgte,  oder  auf  diesen  selbst
einen  Druck  ausübte,  einiges  Licht  verbreiten.  Ein  schlagendes
Document  ist  die  beim  Beginn  der  neuen  Ära,  von  welcher  Bismarck
  selbst  laut  seinen  Frankfurter  Privatbriefen  keine  besondere
  Befestigung  seiner  Stellung  erwartete,  beschlossene  und
1860  auch  durch  die  Weihe  der  neuen  Fahnen  vollzogene  Reorganisation
  der  Armee.  Das  Heer  wurde  um  118  Bataillone
und  50  Schwadronen  vermehrt,  das  erste  Aufgebot  der  Landwehr
  zum  stehenden  Heere  gezogen;  der  Minister  von  der  Heydt
nannte  in  der  Sitzung  des  Abgeordnetenhauses  vom  11.  September.
1862  diese  Reorganisation  zur  „Vervollständigung  zur  Kriegs-*)

  Nach  seiner  eigenen  Angabe  im  Abgeordnetenhause,  Sitzung  vom
18.  Juni  1866.