Ludwig  Bamberger's  „Herr  von  Bismarck.“  29

österreichischen  Gesandten  in  Berlin  dringend  bat,  der  von
demselben  ausgesprochenen  Voraussetzung,  dass  in  einem  für
Österreich  gefährlichen  Kriege  beide  Grossstaaten  sich  trotz  der
gegenwärtigen  Spannung  als  Bundesgenossen  wieder  zusammenfinden
  würden,  in  Wien  nach  Kräften  entgegenzutreten.  Er  eröffnete
  demselben  vielmehr,  dass  im  Fall,  wenn  die  früheren
intimen  Verhältnisse  sich  nicht  neu  beleben  lassen  sollten,  unter
ähnlichen  Verhältnissen  wie  im  Jahr  1859  ein  Bündnis  Preussens
mit  einem  Gegner  nicht  ausgeschlossen  sein  würde.  Damals
hatte  er  sich  auch  dem  Gesandten  gegenüber  dahin  ausgesprochen,
  dass  es  für  Österreich  am  rathsamsten  sei,  seinen  Schwerpunkt
  nach  Ofen  zu  verlegen.  Gleichzeitig  hatte  er  für  die
Sitzung  des  Bundestags  vom  22.  Januar  1863  gegen  das  österreichische
  Project,  den  Bundestag  durch  eine  Delegirten-Deputation
  der  deutschen  Landtage  anzufrischen,  das  Votum  Preussens
dahin  formulirt,  dass  die  deutsche  Nation  nur  in  einer  Vertretung,
  welche  nach  Maassgabe  der  Bevölkerung  jedes  Bundesstaates
  aus  letzterer  durch  unmittelbare  Wahl  hervorgeht,  das
berechtigte  Organ  ihrer  Einwirkung  auf  die  gemeinsamen  Angelegeuheiten
  finden  kann.  Nehmen  wir  dazu  die  Sicherheit  seines
Rückhalts  an  Frankreich  und  Russland,  so  waren  die  Hauptmaschen
  des  Gewebes  für  die  letzte  Katastrophe  schon  im  Anfang
  des  Jahres  1863  angelegt  und  nur  der  Aufwand  von
täglicher  Wachsanikeit,  Arbeit  und  Erfindung  neuer  Wendungen
zur  Benutzung  glücklicher,  auch  von  ilın  oft  vorbereiteter
Glücksfälle  kaun  den  Triumph  allenfalls  erklären,  mit  dem  er!
auf  den  letzten  Erfolg  des  Jahres  1866  zurückblickte.  Das  bei:
aller  seiner  Offenheit  und  durchschlagenden  Rücksichtslosigkeit
künstliche  Gewebe  seiner  Operationen  brachte  es  mit  sich,  dass
er  den  Monarchen  zum  Theil  als  von  ihm  gebunden  betrachtete;
in  den  späteren  Jahren,  als  seine  Projecte  sich  von  Monat  zu
Monat  steigerten  und  erweiterten,  konnte  im  Publieum  sich  lie
Überzeugung  bilden,  dass  er  unersetzlich,  absolut  nothwendig
und  allein  der  Mann  sei,  der  den  Faden  aus  dem  Labyrinth  in
der  Hand  habe.

Was  die  Angelegenheit  der  Annexionen  betrifft,  so  kann
es  sein,  dass  die  Mühe  und  Noth,  die  er  bei  der  Abgränzung
derselben  in  der  täglichen  Reibung  mit  der  europäischen  Diplomatie
  hatte,  ihn  gegen  allzugrosse  Erwartungen  etwas  gereizt
stimnten.  Das  Verlangen  nach  Elsass  und  Lothringen  nannte