Ludwig  Bamberger's  „Herr  von  Bismarck.“  21

dass  die  Nachkommenschaft  dieser  Ehe  nur  verwildern  und
verwahrlost  werden  kann,  wenn  die  Mutter  im  Hause  nicht
geehrt  wird.“

Während  diese  kummervolle  Ehe  bis  auf  diesen  Augenblick
in  dem  ewigen  Kreislauf  von  Misshandlungen  und  Empörungen
und  Versöhnungsscenen  sich  abspinnt,  lagen  schon  seit  Jahren
in  der  Schrift  des  französischen  Botschafters  Benedetti  über  seine
„Mission  en  Prusse“  die  gewichtigsten  Zeugnisse  für  die  Thatsache
  vor,  dass  der  Gebieter  in  dem  Moment,  als  er  sich  mit
dem  Plan  einer  grossen  Wirthschaftseinrichtung  trug  und  auf
die  militärische  Freiung  ging,  dem  Weibe  der  Zukunft  kein
besseres  Schicksal  als  der  preussischen  Kammer  zugedacht  hatte.

Der  Minister  malt  dem  Botschafter  in  dem  kriegsschwangeren
  April  des  Jahres  1866  mit  einer  an.  Muthwillen  gränzenden
Offenheit  sein  Bild  der  deutschen  Einheit  vor.  Er  zeichnet  ihm
den  vollständigen  Abriss  seiner  Bundesreform,  welche  die  Leitung
  des  deutschen  Heeres,  die  diplomatische  Vertretung,  den
Consulardienst  und  den  Gränz-  und  Küstenschutz  in  die  Hände
Preussens  bringen  soll.  Er  entwickelt  sogar  die  Idee  der  Main-Linie
  und  deutet  ihm  an,  dass  er  bei  aller  Beschränkwig  auf
die  Herrschaft  in  Norddeutschland  seinem  Lande  noch  weitere
Perspectiven  eröffnen  könne,  welche  für  die  Kette  seiner  Vergrösserungen
  über  den  Main  hinüber  nützliche  Anknüpfungspunkte
  liefern  müssen.  Aber  der  Botschafter  bleibt  bei  seinem
Unglauben  an  die  Möglichkeit  der  deutschen  Einheit  und  rechtfertigt
  der  französischen  Regierung  gegenüber  diesen  Unglauben
mit  dem  Bedenken,  dass  es  „verwegen,  wenn  nicht  kindisch
sein  würde,  anzunehmen,  dass  eine  aus  dem  allgemeinen  Stimmvecht
  hervorgegangene  Versammlung,  wie  sie  Bismarck  projectire,
nicht  alsbald  die  ihr  gesteokten  Grenzen  überschreiten  und  mehr
als  die  ihr  bewilligten  Vollmachten  sich  erobern  würde.“

In  den  tüglichen  Rapporten  an  seine  Regierung  unterlässt
es  der  Botschafter  nicht,  hinzuzufügen,  dass  er  es  nicht  versäumt
  habe,  den  preussischen  Minister  vor  den  unausbleiblichen
Folgen  seines  parlamentarischen  Planes  zu  warnen,  dass  ihn
aber  Bismarck  immer  mit  der  ruhigen  und  furchtlosen  Aufnahme
seiner  väterlichen  Besorgnisse  überrascht  habe.  Alle  Gemälde,
welche  der  Botschafter  von  den  „Stürmen“  entwarf,  die  man
von  dem  Geschöpf  des  allgemeinen  Stimmrechts  zu  erwarten
habe,  wollten  den  Minister  nicht  aus  seiner  Ruhe  herauslocken;