36  Vilbort  und  das  Glück  Bismarck’s.

seltener  Streich  des  Glücks.  Denn  Vilbort,  statt  über  die  Antwort
  Bismarck’s  auf  seine  Gewissensfrage  innerlich  selbst  aufzulachen,
  ward  durch  das  Lächeln,  welches  er  bei  den  Worten
des  Meisters  um  die  Lippen  des  anwesenden  Herrn  v.  Keudell
spielen  sah,  um  die  Ruhe  einer  Nacht  gebracht  und  kam  erst
wieder  zu  sich  selbst,  als  er  den  Mann  dieses  „seltsamen“
Lächelns  am  folgenden  Tag  aufsuchte  und  ihm  den  Anlass  bot,
ihm  einen  wahren  Urias-  Auftrag  an  Napoleon  II.  nach  Paris
mitzugeben.

Der  reisende  Franzose  befand  sich,  wie  er  in  seinem
„Oeuvre“  erzählt,  am  7.  August  1866  in  Berlin  und  wollte  sich
bei  Bismarck  verabschieden.  Im  Augenblick  des  Aufbruchs  bat
er  diesen  um  die  Erlaubniss,  ihm  die  „höchst  indiscrete  Frage
vorzulegen,  ob  er  den  Frieden  oder  Krieg  nach  Paris  mitbringe.*
Ausweichend  antwortete  der  Minister:  „Freundschaft,  dauernde
Freundschaft  mit  Frankreich.  Ich  lebe  der  festen  Hoffnung,
dass  Frankreich  und  Preussen  künftighin  den  Dualismus  der
Intelligenz  und  des  Fortschritts  bilden  werden.“

Die  Antwort  war  eine  geschickte  Abfertigung  und  doch
überladen.  Herr  von  Keudell  aber  packte  dem  armen  Reisenden,
der  bei  ihm  Tags  darauf  Erleichterung  für  sein  beunruhigtes
Gemüth  suchte,  eine  Bestellung  an  den  Kaiser  auf,  wofür  ihm
dieser,  wenn  er  sie  wörtlich  ausgeführt  hat,  nur  mit  einem
infernalischen  Lächeln  danken  konnte.  „Sie  reisen  heut  Abend
nach  Paris  ab,  sagte  der  lächelnde  Vertraute  Bismarck's,  nun
wohl,  verpflichten  Sie  sich  auf  Ehrenwort,  was  ich  Ihnen  jetzt
mittheilen  will,  bis  Paris  geheim  zu  halten.  Ehe  vierzehn  Tage
um  sind,  werden  wir  Krieg  am  Rhein  haben,  wenn  Frankreich
auf  seinen  Gebietsforderungen  besteht.“

Der  Autor  des  zweiten  Glücksfalls,  welcher  noch  kurz  vor
Thorschluss,  ehe  die  deutschen  Armeen  1870  Paris  einschlossen,
dem  Lobredner  Eviedrich’s  II.  und  dem  Herold  des  preussischen
Rulıms  in  der  Hauptstadt  Frankreichs  ein  Standbild  aufrichtete,
war  nicht  eigentlich  Vilbort,  sondem  Havin,  der  Director  des
„Siecle“,  der  Vilbort  1866  als  Kriegscorrespondent  dieses  Blattes
nach  Böhmen  geschickt  hatte.  Dieser  so  prosaische  und  sonst
auch  so  ziemlich  glückliche  Rechner  befand  sich  im  Anfange
des  Jahres  1867  in  grosser  Noth.  Er  sah,  dass  er  sich  mit  der
Sendung  seines  Berichterstatters  doch  verrechnet  hatte.  Sein
Journal  verlor  an  Abonnenten.  Die  Vertrautheit,  deren  sich