42  Vilbort  und  das  Glück  Bismarck’s.

sagte  Graf  Moltke  in  der  Reichstagssitzung  vom  16.  Februar
1874  zur  Vertheidigung  des  Reichsmilitärgesetzes,  dürfen  wir
uns  keiner  Täuschung  hingeben:  wir  haben  seit  unsern  glücklichen
  Kriegen  an  Achtung  überall,  an  Liebe  nirgends  gewonnen.
Nach  allen  Seiten  stossen  wir  auf  das  Misstrauen,  dass  Deutschland,
  nachdem  es  mächtig  geworden,  in  Zukunft  ein  unbequemer
Nachbar  werden  könne.“  In  derselben  Rede  sprach  derselbe
militärische  Sprecher  die  Hoffnung  aus,  „Deutschland  werde  eine
Reihe  von  Jahren  nicht  nur  Frieden  halten,  sondern  auch  Frieden
gebieten.“  Seit  den  letzten  Jahren  haben  aber  mehrfache
Regungen  von  Üoalitionen  auch  diese  Hoffnung,  den  Frieden  zu
gebieten,  zerstört,  neue  Anstalten,  die  Heeresmacht  zu  vergrössern,
  sind  nothwendig  geworden  und  der  frühere  hoffnungsvolle
  Sprecher,  der  nur  eine  Anspannung  der  Kriegsmittel  für
fünfzig  Jahre  forderte,  vergisst  in  dem  neulichen  Schreiben  an
einen  trostbedürftigen  Landmann  die  Friedenskraft  der  Waffen
und  erwartete  den  holden  Frieden  nur  erst  nach  ein  paar
Jahrhunderten,  wenn  mit  dem  Volk  eine  religiöse  und
moralische  Umwandlung  vor  sich  gegangen  ist.

Das  ist  die  Siegesbeute,  die  aus  den  Ruinen  des  französischen
Imperialismus  aufgelesen  ist.  Doch  kehren  wir  noch  einmal
zu  unserm  Berliner  in  der  Pariser  Verwüstung  zurück.

Es  hatte  sich  zufällig  so  getroffen,  dass  in  den  ersten
Tagen  nach  Ausbruch  des  deutsch-französischen  Krieges  unter
dem  Titel:  „Voltaire“,  sechs  Vorträge  von  D.  F.  Strauss  erschienen,
  —  eine  ängstlich-zimperliche  Untersuchung  der  Natur
dieses  Mannes,  in  welcher  der  Bibelerklärer  mit  theologischem
Horror  den  „nicht  reinlichen  Erdenrest“  betrachtet,  der  ihm  bei
der  Anatomie  seines  Wesens  „in  der  Hand  bleibt.“  Eine  wahre
Erfrischung  ist  es  dagegen,  wenn  man  in  Condorcet’s  Vermächtnis
  „über  die  Fortschritte  des  menschlichen  Geistes"  das
meisterhafte  Gemälde  der  Männer  liest,  welche  die  Wahrheit
zwar  nicht  entdeckten,  aber  verbreiteten,  „des  Despotismus
schonten,  wenn  sie  die  religiösen  Irrungen  bekämpften,  und  der
Religion,  wenn  sie  sich  gegen  die  Tyrannei  erhoben.“  Voltaire
war  in  der  Reihe  dieser  Männer  derjenige,  der  die  Spuren  des
nahenden  Imperalismus  am  eifrigsten  aufsuchte  und  im  Geist
eines  Zeitalters,  welches  für  die  Trajane  und  Marc  Aurele
schwärmte,  sich  für  Friedrich  II.  interessirte,  weil  er  in  ihm
die  Vorzeichen  dieser  Zukunftsgestalt  am  schönsten  ausgedrückt