62  Sybel’a  und  Bismarck’s  Gegnerschaft  und  Harmonie.

zuges,  schlug  den  Ton  seiner  spätern  Arbeiten  an  und  suchte
nachzuweisen,  dass  die  auswärtigen  Unternehmungen  der  bisher
bewunderten  Kaiser  die  nationalen  Interessen  der  Deutschen
beschädigten.  Als  Deputirter  der  Universität  Marburg  ins
Staatenhans  des  Erfurter  Unionsparlaments  geschickt,  vertheidigte
er  daselbst  das  Gagem’sche  Programm  vom  deutschen  nationalen
Kaiserthum  unter  Preussens  Krone  und  dessen  weiterem  Bund
mit  Österreich,  während  Bismarck  in  demselben  Parlament  die
neue  Unionsverfassung  des  Herm  von  Radowitz  bekämpfte  und
den  strengen  Zusammenhalt  des  alten  Preussenthuns  forderte.
Bismarck  lobte  sich  darauf  den  Tag  von  Ollmütz  und  begrüsste
in  demselben  die  Bürgschaft  für  die  Erfüllung  seines  Herzenswunsches,
  dass  Preussen  und  Österreich  sich  zum  gemeinsamen
Kampf  gegen  die  Demokratie  vereinigen  werden.  Sybel  rettete
sich  dagegen  in  die  Geschichte  und  arbeitete  an  dem  genannten
Werke,  in  welchem  er  über  die  „Falschheit“  Oesterreichs  gegen
Preussen  Gericht  hielt  und  die  Vorzeichen  für  die  künftige
Grösse  des  letzteren  aufleuchten  liess.

Diese  Arbeit  verschaffte  ihm  1856  den  Ruf  nach  München
und  wenn  er  auch  im  Juli  1861  vor  der  Antipathie  des  Bayemnthums
  dieser  Stadt  gegen  seine  norddeutsche  Propaganda  weichen
musste,  so  trug  er  doch  zur  Stärkung  der  preussisch-  gesinnten
Gelehrten-Colonie  in  München  bei  und  schuf  für  Bismarck  einen
Stützpunkt,  welcher  diesem  für  seine  späteren  Operationen  nützliche
  Dienste  leistete.

Vor  Allem  aber  bezeichnete  er  seinen  Aufenthalt  in  der
Hauptstadt  Baierns  durch  eine  Leistung,  die  für  Preussen  nachhaltig
  wirkte.  Es  ist  dies  seine  in  der  dortigen  Akademie  der
Wissenschaften  gehaltene  Rede  über  die  neueren  Darstellungen
der  deutschen  Kaiserzeit.  Diese  Proklamation  des  nationalen
Kaiserthums  hatte  ein  ausserordentliches  Glück.  Der  Satz,
dass  die  grossen  sächsischen,  fränkischen  und  schwäbischen
Kaiser  mit  ihren  Unternehmungen  nach  Italien  und  in  die
romanischen  Nachbarländer  die  nationalen  Interessen  beeinträchtigt
  hätten,  schlug  in  die  deutschen  Kreise  ordentlich  ein.
Man  sah  darin  die  Rechtfertigung  derjenigen,  die  einen  Römerzug
  der  deutschen  Fürsten  zur  Unterstützung  Österreichs  im
Krieg  mit  Piemont  und  Frankreich  verhindert  hatten.  Diesmal
traf  er,  ohne  eine  Ahnung  zu  haben,  mit  seinem  früheren  Erfurter
Gegner,  Bismarck,  zusammen.