Sybel’s  und  Bismarck’s  Gegnerschaft  und  Harmonie,  63

Den  Höhepunkt  seiner  Wirksamkeit  erreichte  er  durch  seine
Berufung  zur  Professur  in  Bonn.  Die  Erweiterung  seiner
Münchener  Rede  zu  der  Schrift:  „Die  deutsche  Nation  und  das
Kaiserreich“  war  ihm  vorausgegangen  und  hatte  in  den  deutschnationalen
  Kreisen  wieder  gezündet.  Die  grossbürgerlichen
Vertreter  der  constitutionellen  Partei,  die  ihm  am  17.  November
1861  zu  Köln  ein  Festmahl  gaben,  feierten  ihn  bei  dieser  Gelegenheit
  als  den  „hervorragendsten  Vertreter  der  deutschen
Kaiseridee  und  als  den  Mann,  welcher  durch  die  gelehrte
Forschung  der  Partei  einen  Triumph  der  Rechtfertigung  gegeben
habe,  wie  ihn  glänzender  nie  eine  politische  Partei  durch  die
Gelehrsamkeit  genommen  habe.“

üs  folgte  sofort,  durch  einen  rheinischen  Wahlkreis,  seine
Sendung  ins  Abgeordnetenhaus,  dem  er  bis  ins  Jahr  1864  angehörte.
  Allmälig  ward  er  daselbst  einer  der  Vordersten  in
der  Reihe  der  Opposition,  welche  gegen  die  ministerielle  Armee-Reorganisation
  ihr  Budgetrecht  im  Namen  der  Verfassung  vertheidigte;
  daneben  trieb  er  durch  seine  Agitation  für  den  Rechtszustand
  im  Kurfürstenthum  Hessen  und  für  Einziehung  der  Elbherzogthümer
  in  Deutschland  dem  Confliktminister  die  zukünftige
Beute  ins  Gam.  Nach  dem  böhmischen  Siege  stellte  er  als
Mitglied  des  constituirenden  Reichstags  dem  bisher  heftig  bekämpften
  Minister  das  Zeugniss  aus,  dass  er  in  der  Armee  das
rechte  Mittel  zur  Gründung  des  nationalen  Kaiserthums  bereitet
und  besser  als  der  Historiker  die  Zwischenglieder  der  Geschichte
erkannt  habe.  Nach  dem  Schluss  des  constituirenden  Reichstags
  zog  er  sich  vom  politischen  Schauplatz  zurück  und  bereitete
  seit  1871  seine  zukünftige  Wirksamkeit  durch  Agitation
für  Döllinger  und  dessen  altkatholische  Gemeinde  vor.

Erst  1874  erschien  er  wieder  auf  der  parlamentarischen
Bühne,  um  den  Triumph  seines  gegen  Rom  gerichteten  deutschen
Vereins  zu  feiern  und  endlich  im  Winter  von  1877  auf  1878
dessen  und  seinen  eigenen  Sturz  zu  erleben.

Das  Urtheil  über  seine  Geschichtschreibung  wird  zum  Theil
auch  das  Bismarck'sche  Werk  treffen,  mit  welchem  sie  eng
zusammenhängt.  Wir  werden,  da  es  sich  um  wichtige  Angelegenheiten
  handelt,  langsam  vorwärtsschreiten  und  in  den
drei  folgenden  Artikeln  seine  Darstellung  der  revolutionären
Parthie  der  ‚Regierung  Friedrich  Wilhelms  I.,  des  Vorspiels
der  heutigen  Ära,  seine  Deutung  der  französischen  Revolution