54  Sybel's  und  Bismarck’s  Gegnerschaft  und  Harmonie.

und  seine  Auffassung  von  Preussens  Verhältniss  zu  Russland
und  zur  polnischen  Theilung  beurtheilen.  Bei  dieser  Gelegenheit
werden  wir  auch  seinen  Gegnern,  dem  archivalischen  Sammlerfleiss
  Vivenot’s  und  der  historischen  Kritik  Hermann  Hüffer’s
die  schuldige  Gerechtigkeit  erweisen.

Zunächst  werden  wir  seine  Anklagen  der  grossen  deutschen
Kaiser  wegen  ihrer  unnationalen  Politik  untersuchen.

Seine  Arbeiten  sind  keine  historischen  Werke,  sondern
Parteischriften  für  das  Gagern’sche  Programm.  Sie  geben  dem
Publikum  nichts  Neues  und  Originales,  sondern  genau,  was  es
haben  wollte.  Ir  nennt  es  in  seiner  Schrift  vom  Jahre  1861
„einen  grossen  Fortschritt  der  deutschen  politischen  Parteien,
wenn  sie  auf  historische  Begründung  ihrer  Tendenzen  ausgingen,"
und  erregte  ein  allgemeines  Entzücken,  als  sie  seine  Strafruthe
auf  Österreich  niederfallen  sahen.  So  triumphirte  bei  dem  Erscheinen
  dieser  Schrift  ein  leitendes  Berliner  Blatt  im  Januar
1862:  „ein  ungünstiges  Urtheil  über  die  deutsche  Kaiserpolitik
berührt  auch  das  heutige  Österreich,  es  wird  daher  der  grossdeutschen
  Partei  ebenso  widerwärtig  sein,  wie  der  sogenannten
Kleindeutschen  angenehm.“

Die  Sprache  Sybel's  ist  zwar  nicht  ganz  so  grob-sinnlich,
aber  sie  ist  erregt;  er  will  wirken,  das  Nützliche  mit  dem
Belehrenden  vereinigen,  den  Gegner,  das  Österreich  Mettemich's,
auch  in  der  Zeit  des  Mittelalters  treffen  und  herabdrücken,
aber  verfehlt  in  dieser  Jagd  auf  den  Feind  der  Gegenwart
die  Thatsachen  der  Vergangenheit.

Hätte  er  sich  damit  begnügt,  die  Ansicht,  welcher  die
Universalmonarchie  Karl's  des  Grossen  und  das  Streben  der
Ottonen  und  Hohenstaufen  nach  einer  gleichen  Macht  des  Kaiserthums
  als  der  Höhepunkt  der  nationalen  Entwickelung  Deutschlands
  gilt,  zu  bestreiten,  so  hätte  er  vielleicht  den  rechten  Weg
finden  und  etwas  leisten  können.  Wenn  er  statt  auf  unmittelbare
  politische  Wirksamkeit  auszugehen,  untersucht  hätte,  ob
zur  Zeit  jener  Herrscher  überhaupt  eine  nationale  Gestaltung
der  Obermacht  möglich  war,  so  wäre  er  nahe  daran  gewesen,
sich  ein  Verdienst  zu  erwerben.

Ohne  eine  Demokratie  und  deren  Ruf  nach  allgemeiner
Gleichberechtigung  giebt  es,  wie  das  klassische  Iimperatorenthum
Roms  beweist,  kein  mächtiges  Kaiserthum.  Den  sächsischen
Ottönen  fehlte  aber  diese  Hilfsmacht,  welche  ihren  Terrorismus