Sybel's  und  Bismarck’s  Gegnerschaft  und  Harmonie,  55

gegen  die  Zwischenmächte  richtet  und  die  nationale  Einheit
bewacht.  Ohnmächtig  gegen  den  Trotz  und  die  Autonomie  der
Vasallen,  mussten  jene  Kaiser  zur  theokratischen  Monarchie
Karl's  des  Grossen  zurückgreifen  und  sich  an  die  einzige
damalige  demokratische,  über  den  Stände-  und  Stammesunterschieden
  stehende  Organisation,  die  Kirche,  wenden  und
deren  Bund  suchen.

Um  die  bewegtesten  Jahrhunderte  des  deutschen  Mittelalters
  zu  verstehen,  wird  man  den  Stolz  auf  die  schöpferische
Originalität  der  Deutschen  etwas  mässigen  müssen.  Die  italienischen
  Städte  waren  längst  in  Cultur  und  demokratischer  Verfassung
  vorgeschritten,  ehe  die  deutschen  Städte  sich  von  der
Aufsicht  der  Bischöfe  und  deren  Vögte  emancipirten.  Die  Anregungen
  der  Kunst  und  Wissenschaft  kamen  aus  Italien  und
Frankreich.  Paris  war  der  Mittelpunkt  des  Universalstudiums;
aus  dem  Seine-Thal  kamen  die  Muster  der  sogenannten  gothischen
Baukunst.  Weder  auf  die  Städte,  noch  auf  die  Ritterschaft
konnten  sich  die  Kaiser  in  ihrem  Kampf  mit  den  grossen
Vasallen  stützen.  Jene  zeigten  noch  die  Spuren  der  Dienstbarkeit
  in  Gesinnung  und  Verfassung;  die  Ritterschaft  trug
noch  den  Makel  der  Dienstmannschaft  an  sich  und  war  so
schwach  wie  in  ihrem  Verscheiden  und  Verarmen,  als  sie
Sickingen  gegen  die  aufsteigenden  Landesfürsten  aufrufen  wollte.

Man  darf  ferner  die  Spanne  Zeit,  welche  das  Deutschthum
‚seit  Beginn  des  Mittelalters  bis  in  das  achtzehnte  Jahrhundert
eingenommen  hat,  nicht  als  eine  eigne  Ewigkeit,  noch  seine
Production  als  etwas  ganz  Neues  überschätzen.  Seine  Arbeit
war  doch  nur  eine  Wiederaufnahme  und  Modification  der  römischgriechischen,
  mit  dem  Judenthum  verquickten  Bildung.  Gemüth,
Selbstgefühl,  Werthschätzung  der  eignen  Persönlichkeit  und  des
Nächsten  waren  die  Summa  in  welcher  das  Alterthum  seine  Erfahrungen
  und  Arbeiten  als  Christenthum  zusanımenfasste.  Das
Kaiserthum  war  nicht  todt;  es  lebte  noch  in  der  allgemeinen
Erinnerung  und  hatte  sogar  in  der  geistlichen  Form  der  Kirche
seine  Fortsetzung  erhalten.

Es  war  auch  ganz  im  Geiste  dieses  unsterblichen  Imperiums,
wenn  die  deutschen  Kaiser  die  Kirche,  nachdem  sie  dieselbe  zur
Organisation  ihrer  Herrschaft  benutzt  hatten,  in  ihre  Gewalt
bekommen  wollten.  Der  Cäsareopapismus  liegt  in  der  Centralisirung
  des  Imperialismus.  Cäsar  und  seine  Nachfolger  ver-