Sybel's  und  Bismarck’s  Gegnerschaft  und  Harmonie,  57

listischen  Uintrieben  des  Themistokles  Waffen  und  Schlagworte
zu  entziehen,  die  letzten  Reste  der  Stände-  und  Klassen-Unterschiede
  in  Athen  gelöscht  und  damit  den  nationalen  Absolutism
  us  des  Perikles  vorbereitet.  Die  römischen  Patrizier  schickten
ihren  Livius  Drusus  auf  das  Forum,  damit  er  die  Gracchische  Revolution
  übertreibe  und  für  den,  der  fermerhin  noch  theilen  wolle,
Nichts  als  „coelum  et  coenum“  übrig  bleibe.  So  wetteiferten  vor
dem  Tage  von  Königgrätz  auch  Preussen  und  Österreich  mit  ihren
Anerbietungen  gegen  die  Demokratie,  bis  ersteres  mit  dem  Geschenk
  des  allgemeinen  Stimmrechts  für  die  Bildung  einer  National-Vertretung
  den  Sieg  davon  trug.

So  ist  nach  den  Registern  der  Geschichte  das  neue  nationale  Reich  -
entstanden  und  müsste  nun  Sybel,  nachdem  man  das  widerwärtige
Österreich  mit  seinen  excentrischen  Kreuz-  und  Querzügen  los  geworden
  ist,  endlich  die  Freude  haben,  das  Friedensreich  Heinrich’s  I.
und  die  Wiederkehr  dieses  „Sterns  vom  reinsten  Licht“,  der  einstens
am  Firmament  der  deutschen  Vergangenheit  geglänzt  hat,  begrüssen
  zu  können.

Die  Stimme  der  wirklichen  Geschichte  lautet  wieder
ganz  anders.

Der  Meister  des  Krieges,  Graf  Moltke,  hat  offen  im  Reichstag
die  permanente  Kriegsbereitschaft  des  neuen  Reichs  für  die
nächsten  fünfzig  Jahre  mit  der  Thatsache  begründet,  dass  es
nirgends  in  Europa  Anklang  und  „Liebe“  gefunden  hat.  Sybel’s
Vertröstung  seiner  Kölner  Verehrer  (im  November  1861)  auf  die
Zukunft  des  einigen  Deutschlands,  als  dessen  Hort  Preussen  die
Last  seines  Militärbudgets  erleichtern  und  hunderttausend  Mann
entlassen  dürfe,  ohne  dass  einer  der  verbündeten  Staaten  sich
stärker  zu  belasten  brauche,  hat  sich  Angesichts  der  von  Jahr
zu  Jahr  steigenden  Armatur  Preussens  und  seiner  Bundesgenossn
als  eine  falsche  Prophetie  erwiesen.

Statt  des  friedlichen  Stilllebens,  welches  Sybel  den  Deutschen
von  ihrem  nationalen  Kaiserthum  versprach,  ist  eine  journalistische
und  diplomatische  Interventionspolitik  gekommen,  wie  sie
kaum  Napoleon  I.  gepflegt  hatte.  Der  Stock,  den  die  „Norddeutsche
  Allgemeine  Zeitung“  1868  gegen  die  innern  und  auswärtigen
  Widersacher  schwang  und  ausdrücklich  als  das  Friedensinstrument
  des  alten  Fritzen  verherrlichte,  wurde  mit  besonderer
Virtuosität  gegen  Österreich  in  Bewegung  gesetzt.  Nach  dem
Jahre  1871  kamen  nach  der  geistreichen  Sprache  der  officiösen