60  Die  revolutionäre  Parthie  der  Regierung  Friedrich  Wilhelms  II.

es  ihm  etwas  indiscret,  auch  wohl  etwas  gewagt,  dass  er  sie
als  geheimen  Gedanken  in  die  Brust  der  preussischen  Staatsınänner
  verlegt  hatte.

Wir  nehmen  aber  seine  Deutung  wieder  auf  und  gedenken
die  Festsetzungen  des  Baseler  Friedens  als  Zeugniss  für  eine
Bestimmung  Jreussens  zu  benutzen,  die  auch  durch  die  unglücklichste
  Regierung  eines  seiner  Fürsten  nicht  verdorben
werden  konnte.

Erwägen  wir  zunächst,  wie  Friedrich  Wilheln  in  den  ersten
fünf  revolutionären  Jahren  seiner  Regierung  Europa  in  Verwirrung
  bringt  und  Fürsten  und  Völker  zur  Beschlagnahme
durch  die  französischen  Armeen  reif  macht.  Sehen  wir  ihn
dann  in  der  zweiten  Hälfte  seiner  Regierung  vor  den  ungeübten
Truppen  Frankreichs  bei  Valmy  scheu  zurückweichen  und  seine
Soldaten  1793  und  1794  bei  Pirmasens  und  Kaiserslautern  nur
tactische  Erfolge  davontragen,  während  die  Armeen  des  Pariser
Convents  in  der  Kunst  der  Strategie  vorwärtsschritten.  Folgen
wir  ihm  1794  auf  seinem  Marsch  nach  dem  aufständischen
Polen,  wo  er  im  September  die  von  ihm  selbst  geleitete  Belagerung
  von  Warschau  aufgeben  muss  und  seine  in  Polen
zerstreuten  Truppen  nichts  ausrichteten.  Beachten  wir  endlich,
wie  er  nach  allen  diesen  Niederlagen  und  Beschämungen  im
Baseler  Frieden  mit  der  Schutzherrlichkeit  über  die  deutschen
Stände  diesseits  des  Mains  ein  Pfand  für  die  Zukunft  seines
Jandes  empfängt,  dann  muss  Wachsthum  und  Machtzunahme  an
die  Lage  dieses  Landes  unzertrennlich  geknüpft  sein.

Friedrich  II.  hat  diese  Lage  richtig  gedeutet,  wenn  er
Preussen  das  moderne  Schweden  und  ein  Bedürfniss  Frankreichs
  und  jedes  Feindes  der  österreichischen  Monarchie  nannte.
In  dicsem  Sinne  hat  also  Karl  XlJ.  „für  den  König  von
Preussen  gearbeitet“,  als  er  die  Kräfte  Schwedens  in  Polen
und  Russland  verzetteltee  Er  hat  auf  seinen  Irrfahrten  das
neue  Preussen  geschaffen,  während  der  Grossvater  Friedrich's  IL
demselben  die  Königskrone  aufsetzte.

Friedrich  II.  hatte  als  lachender  Beerber  Schwedens  zunächst
  Frankreich  im  Auge  und  machte  sich  in  den  Unterhandlungen
  mit  dessen  Vertretern  vor  den  beiden  ersten
schlesischen  Kriegern  ausdrücklich  als  Ersatzmann  der  früheren
nordischen  Grossmacht  geltend.  In  den  Unterhandlungen  mit
Frankreich  zu  dem  zweiten  dieser  Kriege  nahm  er  bei  der  be-