62  Die  revolutionäre  Parthie  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm’s  II.

geistlichen  Herren  für  einige  Modificationen  des  deutschen
Bundes  „Vernunft  beibringen“  könne.

In  Mitten  dieser  hochgehenden  Stimmung  Berlins  sollte  sich
nun  Friedrich  Wilhelm  entscheiden.  Er  hatte  von  seinem
Vater,  dem  Prinzen  von  Preussen,  Wilhelm,  eine  weiche,  dem
Gefühl  der  Sympathie  zugängliche  und  empfindsame  Natur
geerbt.  Die  Erinnerung  an  diesen  Vater,  welcher  sich  durch
Zartgefühll  und  liebenswürdige  Menschenfreundlichkeit  die
allgemeine  Zuneigung  erworben  hatte,  war  mit  dem  Gedanken
an  die  Melancholie  verbunden,  die  denselben  in  ein  frühes  Grab
stürzte,  nachdem  ilın  der  Bruder,  Friedrich  U.,  wegen  seiner
Führung  einer  Armeeabtheilung  auf  dem  Rückzuge  von  Kollin
in  Gegenwart  von  Generälen  und  Fürsten  mit  ungerechten
Vorwürfen  überhäuft  hatte.  Er  selbst,  den  27.  September  1744
geboren,  war  von  seinem  Oheim  hart  und  raulı  behandelt  worden
und  kam  mit  dem  Vorsatz  zum  Thron,  im  Gegensatz  gegen
dessen  strenges  und  verschlossenes  Regiment  eine  Ära  der
Gütigkeit,  Milde  wıd  der  Förderung  alles  dessen,  was  er  für
recht  und  billig  hielt,  zu  eröffnen.

Obwohl  ihn  Friedrich  von  jeder  Theilnahme  an  der  Politik
fern  gehalten  hatte,  so  konnte  ihm  doch  die  gedrückte  Lage,
in  welcher  sich  der  verstorbene  Herrscher  Russland  gegenüber
befand,  kein  Geheimniss  bleiben.  Er  selbst  war  von  Letzterem
nach  Petersburg  geschickt  worden  und  die  autukratische  Haltung,
welche  Katharina  an  ihrem  orientalische  Pracht  und  diktatorisches
Selbstgefühl  verbindenden  Hofe  gegen  ihn  behauptet  hatte,
konnte  ihn  in  seiner  Antipathie  gegen  die  Zarin  nur  bestärken.
Er  beschloss,  die  angebliche  Schwäche,  welcher  Friedrich  IL
gegenüber  den  Ansprüchen  und  Geboten  Russlands  erlag,  zu
heilen  und  im  Bereich  des  deutschen  Fürstenbundes  wollte  er
die  Stände  durch  Überredung  und  vertrauliche  Verbandlung  an
sich  ziehen.

Die  Vorstellung,  dass  er  in  seiner  Politik  unselbstständig
war,  ist  übertrieben.  Er  wollte  selbst  entschliessen  und  handeln.
Ich  habe  allein  gelitten,  sagte  er,  als  man  ihm  nach  seinem
Regierungsantritt  vom  Unglauben  der  Welt  an  seine  Selbstständigkeit
  berichtete,  und  werde  auch  allein  regieren.  Die
schnellen  Wechsel  im  Laufe  seiner  Politik  entsprangen  sowohl
aus  seiner  sanguinischen,  sich  bald  erschöpfenden  und  ermattenden
  Natur,  als  aus  der  inneren  Unhaltbarkeit  seiner  Unter-