68  Die  revolutionäre  Parthie  der  Regierung  Friedrich  Wilhelm's  II.

Es  gab  damals  schon  eine  officiöse  Presse,  welche  sich  der
Verherrlichung  der  preussischen  Politik  widmete.  Ihr  zufolge
hatte  Preussen  im  holländischen  Feldzug  und  mit  seiner  Unterstützung
  Belgiens  den  grössten  Monarchieen,  Frankreich  und
Österreich,  seine  Kraft  gezeigt.  Mit  seimer  Unterstützung
Schwedens  und  mit  der  Stärkung  Polens  hatte  es  sich  zum
Centrum  der  europäischen  Angelegenheiten  gemacht.  Endlich
kam  die  Convention  von  Reichenbach  (im  Juli  1790),  in
welcher  Kaiser  Leopold  auf  die  Eroberungen  in  der  Türkei  verzichtete
  und  gegen  die  Zusicherung,  Belgien  seine  alten  Rechte
zu  erhalten,  diesem  Lande  die  Hoffnung  auf  preussische  militärische
Hilfe  entzog.  Jetzt  hatte,  nach  dem  Ausdruck  jener  Presse:  „das
preussische  Haus  die  ihm  eigentbümliche,  grosse  Rolle,  —  die  des
Vermittlers  und  Friedenstifters  erfolgreich  durchgeführt  und  die
Paeificationslinie,  die  sich  von  Gothenburg  (Schweden)  bis
Amsterdam  erstreckte,  über  Brüssel  und  Lüttich  bis  nach
Constantinopel  gezogen.*

In  Wirklichkeit  sah  die  Sache  anders  aus.  Die  ganze  Linie,
auf  welcher  sich  die  preussische  Intervention  bewegte,  war  mit
Ruinen  bezeichnet.

Der  feine,  angeblich  gemässigte  Herzog  von  Braunschweig
hatte  in  Holland  gezeigt,  wessen  er  im  Fall  eines  militärischen
Erfolgs  in  Frankreich  fähig  gewesen  wäre.  Er  hatte  die  Häupter
der  Patrioten  verfolgen  und  ihre  Güter  einzichen  lassen;  seinen
eigenen  Truppen  hatte  er  Plünderungen  nachgesehen  und  dem
städtischen  Pöbel,  der  Leibgarde  des  Statthalter-Regiments,  freies
Feld  für  Mord  und  Verwüstung  verschafft.  Die  Kaufleute  und
Geschäftsleute  wanderten  mit  ihren  Capitalien,  besonders  nach
Hamburg,  aus  und  die  Patriotenhaufen  waren  für  den  limpfang
der  späteren  französischen  Eroberer  vorbereitet.  In  dem  zerrütteten
  Belgien  und  in  Lüttich  zogen  bald  darauf  die  republikanischen
  Heere  Frankreichs  die  Ernte  ein,  welehe  die  wühlende
und  zweideutige  Politik  Hertzberg's  zur  Reife  gebracht  hatte.
Das  von  England  und  Preussen  im  Stich  gelassene  Schweden  verblutete
  sich  im  Kampf  mit  Russland  und  ward  seitdem  die  Beute
des  nordischen  Kaiserstaats;  die  Einführung  einer  preussischen
Partei  in  Polen  beschleunigte  daselbst  die  letzte  Katastrophe.

England  hatte  von  des  B  l  Siegeszug  in  Holland
den  Gewinn,  dass  es  seines  seit  Cromwell  vorbereiteten  Triumphs
über  diesen  Nebenbuhler  seiner  Seemacht  eine  Zeit  lang  geniessen